Chapter 19.00: i) Johannes.
Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
By Author ujjwali) Johannes. ****
Als Verfasser einer nur in stark entstellter Form überlieferten
Schrift „Von der heiligen (göttlichen) Kunst“ (θεία τέχνη), die
sich im wesentlichen auf DEMOKRITOS, HERMES,
AGATHODAIMON, OSTANES und andere „Perser“ beruft,
wird JOHANNES, Ober- oder Erzpriester von Ebeigia (Evagia,
Ebagia, Euagia), genannt[765].
Der Verlauf des großen Werkes, wie ihn DEMOKRITOS auf die
Säulen der Tempel niederschreiben ließ[766], ist nach JOHANNES
abhängig von der Gunst der Jahreszeit, von Wind und Wetter und von den
Gestirnen; da er nämlich durchaus dem einer Schwangerschaft gleicht,
— nur daß die Dauer statt neun Monate bloß neun Stunden beträgt —,
so können die Wirkungen und Effluvien der Planeten, z. B. Die des
Mondes, die σεληνιακὴ ῥεῦσις[767], auch hier vorzeitige Entbindungen
und Fehlgeburten bewirken, die den Embryo vernichten[768]. Der Kundige
wird also das große Werk nur unternehmen, wenn die Umstände Erfolg
versprechen; dann aber wird auch er das Nämliche vollbringen, was die
Goldarbeiter (χρυσοχόοι, Goldgießer) vermögen, die „das Metall seiner
ganzen Tiefe nach zu Gold färben“, und zwar mittels Oker, Salz, Natron,
Thenakar [offenbar Tinkal, arabisch Tinkâr, d. I. Alkali, später auch
Borax] und χαλκάνθη [Chalkánthe = unreiner Vitriol oder Alaun], die
durch ihre Natur die Beimengungen des Goldes so an sich ziehen, wie der
Magnet das Eisen, oder die Magnesia der Glasmacher [d. I. Braunstein]
die Unreinigkeiten des Glases; er wird es aber vollbringen, indem er
seine Mittel benützt, den „hieratischen (heiligen) schwarzen
Stein“, ἱερατικὸν λίθον μέλανα[769]. Sobald er diesen auf die Masse
projiziert, beginnt das ihm innewohnende Pneuma zu wirken: die im
Inneren der Rohmetalle verborgene Natur wird nach außen gekehrt, und
es entsteht die rechte Färbung, sowie das reine, gelbe, dem Feuer
widerstehende Gold, χρυσάνθιμον geheißen [Chrysánthimon = Blüte des
Goldes; auch Namen des goldfarbigen Pyrits, des Goldkieses][770].
Man versteht aber den heiligen Stein zu bereiten: in den Gauen der
Thebais, in Herakleopolis, Lykopolis, Apollinopolis, in Aphrodite
und Elephantine[771]. — Diese Aufzählung des JOHANNES
folgt entschieden einer echten Tradition, denn sämtliche, wenn auch
in griechischer Umschreibung genannte Orte, sind ausschließlich
ägyptische; daß sie jedoch, wie BERTHELOT mutmaßt,
ursprünglich die Stellen der Goldbergwerke bezeichnet hätten, von denen
AGATHARCHIDES und ihm folgend DIODOR und andere
antike Autoren berichten, ist weder nach ihrer geographischen
Lage möglich, noch nach der für jene Bergwerke angegebenen; sie
alle sind vielmehr Orte von Tempel- und Kult-Stätten, namentlich von
ursprünglich Gold-Verarbeitenden[772].
Den „stärksten weißen Essig“, τὸ λευκὸν ὄξος δριμύτατον, dessen
JOHANNES als eines durch seine Schärfe die Metalle
auflösenden Mittels gedenkt, soll man nach BERTHELOT
vielleicht für eine unreine mineralische Säure ansprechen, die etwa
durch Erhitzen des Eisen- und Kupfer-Vitriols, sei es für sich, sei
es zusammen mit Kochsalz, erhalten worden wäre[773]; da aber derlei
Ausdrucksweisen keineswegs wörtlich zu nehmen sind, — schreibt doch
PSEUDO-MOSES der Metall-Legierung „Magnesia“ die Natur eines
ὄξος (Essigs) zu —, und keine beglaubigte Tatsache eine so frühe
Kenntnis der Mineralsäuren bezeugt, so ist BERTHELOTS Annahme
ganz unwahrscheinlich.
Der PHILOSOPHUS ANONYMUS bezeichnet JOHANNES als
einen Schüler des HERMES und als ἀρχιερεύς (Archiereús),
d. I. Erz- oder Oberpriester der Tempel ἐν Εὐαγίᾳ τυθίας[774];
BERTHELOT übersetzt dies „zu Euagia in Tuthia“ und
läßt es dahingestellt, ob hier an die mystische Andeutung eines
Namens zu denken sei, eines Ortes, oder etwa der nach diesem Orte
benannten „Tutia“ der späteren Alchemisten[775] [d. I. Des zur
Messing-Darstellung dienenden, mehr oder weniger reinen Zinkoxydes].
Ein ägyptischer Eigenname THUTIA kommt zwar vor, — u. A.
Trägt ihn, nach A. WIEDEMANN, ein Feldherr, der um 1500
v. Chr. Die Stadt Joppe oder Jaffa eroberte[776] —, doch kann dieser
hier ebensowenig in Frage stehen wie die Bezeichnung „Tutia“ für
Zinkoxyd, die erst zu arabischer Zeit auftritt und deren Quelle das
persische Wort Dûd = Rauch ist, (gemäß der ältesten Gewinnungsweise
dieses Präparates). Aber auch um einen (sonst unbekannten) Ort Thutia
handelt es sich wohl schwerlich, da andere Handschriften, statt der
von BERTHELOT bevorzugten Lesart ἐν Εὐαγίᾳ τυθίας, die
Worte ἐν Εὐαγίᾳ τῇ θείᾳ bieten, d. H. Im heiligen Euagia, im Tempel
zu Euagia (Evagia, Ebagia), der offenbar als Sitz des Oberpriesters
JOHANNES bezeichnet werden soll[777]. Seitens späterer
Autoren wurde, wie auch aus einer bei PSEUDO-AVICENNA (um
1200?) erhaltenen Tradition zu ersehen ist, dieser JOHANNES VON
EVAGIA mit JOHANNES EVANGELISTA identifiziert,
und letzterer als „Oberpriester von Alexandria“ angesehen[778];
hieraus wieder erklärt es sich, daß der Apostel JOHANNES
auch im Okzident schon sehr frühzeitig in den Ruf eines Magiers und
Alchemisten kam, — an dessen Berechtigung selbst der treffliche
J. J. BECHER in seiner „Physica subterranea“ von 1669 noch
nicht den geringsten Zweifel hegte[779]! Bereits der 1177 verstorbene
Augustinermönch ADAM DE ST. -VICTOR (d. I. Aus der Abtei
St. -Victoris bei Paris), nach HARNACK[780] der bedeutendste
Kirchenlehrer und größte Dogmatiker des Abendlandes in der Zeit
zwischen dem hl. AUGUSTINUS und THOMAS VON AQUINO,
rühmt in seiner „Hymne auf den hl. JOHANNES“ den Apostel als
Herrn über die Kräfte der Gifte und Krankheiten, als Gebieter über
Leben und Tod, sowie als Meister der Dämonen, und fügt dann hinzu:
„Cum gemmarum partes fractas
Solidasset, has distractas
Tribuit pauperibus;
Inexhaustum fert thesaurum,
Qui ex virgis fecit aurum,
Gemmas ex lapidibus“,
welche Verse in sinngetreuer Übersetzung lauten:
„Splitter wußt’ er neu zu einen
Zu den schönsten Edelsteinen,
Die er Armen überließ;
Endlos reich wird Der sich zeigen,
Der sich Gold schuf aus Gezweigen,
Edelsteine aus dem Kies. “
Anscheinend zweifelte KOPP die Echtheit dieser Verse an,
jedoch mit Unrecht, denn die „Poetischen Werke des ADAM DE
ST. -VICTOR“, die er im Original einzusehen keine Gelegenheit
hatte, enthalten tatsächlich die angeführte Strophe[781]; auch
gebraucht dieser Dichter an mehreren Stellen Gleichnisse, die auf
einige technologische Kenntnisse schließen lassen[782], z. B. Eines vom
Töpferofen, eines von der „colla pigmentaria“ (der Vorratskammer für
Farben, Gewürze, u. Dgl.) und eines von der Herstellung der Grundmauern:
„Ätzkalk binden und Zemente
Dieses Tempels Fundamente,
Halten fest die Steine. “
Die Tradition von den Wunderkünsten des JOHANNES ist
übrigens eine sehr alte, denn schon die um 150–180 n. Chr. Verfaßten
apokryphen „Johannes-Akten“ melden, daß JOHANNES zwei große
Edelsteine aus kleinen Stückchen zusammensetzte, um den Erlös den
Armen zu spenden, und daß er für zwei Ephesier, die es reute, ihren
gesamten Reichtum an Bedürftige verteilt zu haben, aus Rutenbündeln
Gold und aus Kieseln vom Meeresstrande Edelsteine herstellte[783];
ebenso erzählt die von JACOBUS A VORAGINE, Bischof von Genua
(1230–1292), herrührende „Goldene Legende“, daß JOHANNES
„virgas et lapides“ (Ruten und Kiesel), vom Seeufer geholt, in „aurum
et gemmas“ verwandelte, und daß die Goldschmiede (aurifices) und
Juweliere (gemmarii) versicherten, reineres Gold und wertvollere Steine
niemals gesehen zu haben[784]; endlich verstand JOHANNES
es auch, zerbrochene Glasgefäße aus ihren Scherben neu erstehen zu
lassen, und die fromme Litteratur berichtet dann Züge dieser Art auch
von verschiedenen anderen Heiligen[785]. Im Orient blieb das Andenken
an verwandte Überlieferungen ebenfalls lebendig, denn noch der große
persische Dichter SAʿDI (1184–1286) sagt im „Fruchtgarten“[786]:
„Vor alters, wie es heißt im Land,
Geschah’s, daß Stein in frommer Hand
Zu Silber sich verkehrte. “
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