Chapter 22.00: c) Zosimos.
Entstehung und Ausbreitung der Alchemie, mit einem Anhange
By Author ujjwalc) Zosimos. ****
ZOSIMOS[822], der als Kind der oberägyptischen Stadt Panopolis
in der Thebais, sowie als Christ, nach HOFFMANN[823] als
gnostischer Christ, bezeichnet wird, soll sich seit früher Jugend zu
Alexandria aufgehalten und dort gelehrt und geschrieben haben; seine
Lebenszeit kann nicht, wie man ehemals annahm, in das 5. Jahrhundert
fallen, da er von den Tempeln zu Memphis und Alexandria, u. A. Von
dem 390 zerstörten Serapeion, als von noch bestehenden spricht, sie
ist vielmehr, allen Anzeichen nach, um 300 anzusetzen, also in das
3. Und vielleicht in einen Teil des 4. Jahrhunderts[824]. Über seine
Lebensumstände ist Näheres nicht bekannt, ebensowenig über seine
von einigen angezweifelte christliche Herkunft; HARNACK
nennt zwar Panopolis nicht unter den ägyptischen Städten, die gegen
300 bereits christliche Gemeinden besaßen, erwähnt jedoch, daß auch
in Oberägypten das Christentum um 300 schon „mächtig“ war[825].
Nach SUIDAS (um 1000) verfaßte ZOSIMOS ein der
Chemikerin THEOSEBEIA (seiner „mystischen“ Schwester)
gewidmetes Werk „Cheirókmeta“, das in mindestens 28 Büchern eine
enzyklopädische Darstellung der gesamten Chemie gab, unter Benützung
seiner eigenen Erfahrungen, sowie der Arbeiten seiner sämtlichen
Vorgänger[826]; die Schriften, die wir noch unter dem Namen des
ZOSIMOS besitzen[827], sind vermutlich bloße Bruchstücke
dieses Hauptwerkes, und ebensolche waren auch wohl die von einigen
Autoren erwähnten Abhandlungen „Buch des IMUTH“ (äg. = Helfer,
Heilbringer; u. A. Beinamen des IMHOTEP-ASKLEPIOS)[828],
„Buch der Tetraden“ [829] usf. Ihre jetzige Gestalt empfingen die
„Schriften“ sichtlich erst auf Grund mehrfacher, zum Teil sogar
erst nach Jahrhunderten erfolgter Umarbeitungen durch Schüler und
Erklärer; sie enthalten daher, neben dem Hauptgrundstock echter
Überlieferungen, zahlreiche Einschiebsel und vielerlei Zusätze, —
auch abgesehen von jenen Interpolationen, die schon SALMASIUS
(1629) und REINESIUS (1640) sofort als solche einer ganz
späten Zeit erkannten, da sie in ihnen u. A. Arabischen Namen und
Ausdrücken begegneten, wie Tutia, Elilag, Nateph u. Dgl. [830].
Das Werk des ZOSIMOS stand wegen seines Umfanges und
seiner Reichhaltigkeit, nicht weniger aber wegen seiner mystischen
Anspielungen und ekstatischen Visionen, fortdauernd in größtem Ansehen
und verschaffte seinem Verfasser die Beinamen ὁ ἀρχαῖος, παλαιός (=
der Alte), θεῖος, ἔνθεος (= der Göttliche), στέφανος τῶν φιλοσόφων (=
Krone der Philosophen), u. Dgl. Mehr[831]; doch darf man aus diesen
keine zu bestimmten Folgerungen ziehen, namentlich nicht in zeitlicher
Hinsicht, denn, wie BOUCHÉ-LECLERCQ hervorhebt, heißt z. B. Im
2. Nachchristlichen Jahrhundert der große Astronom PTOLEMAIOS
schon bei seinen unmittelbaren Nachfolgern und Kommentatoren ὁ
παλαιός (der Alte)[832], und als von den „Alten“ spricht auch wieder
ZOSIMOS selbst von seinen nächsten Vorgängern[833].
Das heilige Werk, so berichtet ZOSIMOS, ist eine
Errungenschaft Ägyptens, woselbst man seit den ältesten Zeiten wie
in allen Künsten so auch in der Behandlung, Schmelzung und Färbung
der Metalle große Kenntnisse besaß; die über diese handelnden „wahren
Lehren“ standen in der symbolischen (= hieroglyphischen) Schrift
der Priester auf den Säulen der Tempel und wurden unter Androhung
furchtbarer Strafen auf das Strengste geheimgehalten, so daß erst
DEMOKRITOS einiges über sie andeutete, und auch das nur in
Rätseln[834]; da die Priester betreff des Erwerbes und der Darbringung
von Opfergaben auf ihre „magische Wirksamkeit“ angewiesen sind, erregt
bei ihnen jeder große Eifersucht und erbitterte Gegnerschaft, der in
ihre Geheimnisse einzudringen versucht[835]. Zu diesen gehören u. A.:
„die Kenntnis des Abwägens der Stoffe“ [d. H. Der Gewichtsmengen][836];
„die Kenntnis der Verbindungen der Stoffe nach gewissen Verhältnissen“,
und zwar (gemäß der orphischen Lehre) entweder nach den nämlichen,
die man an der Lyra des HERMES betreff der Harmonien
[Saitenlängen und Töne] ermittelt hat, oder doch nach analogen[837];
vor allem aber die „Kenntnis der Verwandlung oder Alloíosis“[838]. Da
diese Kunst allein den ägyptischen Priestern vorbehalten ist, heißt sie
auch τέχνη θεία, τέχνη δογματική (göttliche, dogmatische Kunst)[839];
weitere Namen sind ἱερὰ τέχνη (heilige Kunst) und μέγα ἔργον (großes
Werk), ferner „unsere Kunst“, „großes Mysterium“, oder „Mysterium des
MITHRAS“[840], d. I. Der Sonne, des Goldes. Vollbracht wird
das θεῖον ἔργον, das göttliche Werk, durch die Künste der ποιηταί (der
Macher) mittels des λίθος μεταλλικός (des metallerzeugenden Steines) in
Ägypten, in Cypern und in Thrazien, hauptsächlich aber zu Alexandria
und Memphis, woselbst man in den Tempeln des HEPHAISTOS-PTAH
durch Weißen mit Kadmia Silber und durch Gilben mit Zinnober
Gold gewinnt[841]. — Wer sich dem großen Werke widmen will, hat
einer Anzahl schwieriger Vorbedingungen zu genügen, die ihn der
unentbehrlichen „Gnade Gottes“ würdig machen: vor allem muß er durchaus
rein sein, erfüllt von Frömmigkeit und guter Gesinnung, frei von
Eigennutz und Habgier, geneigt zu Opfern und Gebeten, und fähig der
tiefsten seelischen Versenkung[842]; sodann muß er rastlosen Fleiß
besitzen, sich strenge an die Wahrheit halten und die Kunst allein
ihrer Göttlichkeit wegen betreiben, denn von vornherein fruchtlos sind
alle Versuche der Ungelehrten und Betrüger, die nicht nach Erkenntnis
streben, sondern nach Gold und nach Heilung der unheilbaren Krankheit
„Armut“[843], die mit mehr Aussicht auf anderen Wegen zu erreichen
ist, z. B. Durch eine reiche Frau mit großer Mitgift[844]; endlich
muß er kundig sein der „richtigen Zeiten und glücklichen Momente“,
der betreff dieser entscheidenden Einflüsse der Planeten[845], sowie
der Gebete, der Beschwörungen, der Zauberstoffe [βοτάναι = Botánai,
ursprünglich nur Zauberkräuter], der magischen Formeln und Handlungen
usf., die erforderlich sind, um göttliche Mithilfe zu erlangen und
die Hindernisse, Verwirrungen und Störungen abzuwehren, die seitens
neidischer, dem bösen persischen Geist ANTIMIMOS gleichender
Dämonen drohen[846]. Nur wer allen diesen Voraussetzungen entspricht,
ist ein Würdiger; ihm läßt die Gottheit durch Träume und Visionen im
magischen Schlafe die Wahrheit zuteil werden, entströmend dem Munde
ihres Hierurgen (Priesters), der da steht auf den sieben Stufen eines
Altares von der Gestalt einer φιάλη [Phiále, d. I. Eine Kuppel, aber
auch ein rundes, chemischen Zwecken dienendes Glasgefäß][847]); ihm
wird das große Werk nur das sein, als was es schon die Alten
bezeichneten, „ein Kinderspiel und Weiberwerk“, παιδίου παίγνιον καὶ
γυναικὸς ἔργον[848].
Zu den Altmeistern der großen Kunst zählten u. A.
PLATON[849]),
ARISTOTELES[850],
MARIA[851],
HERMES[852], OSTANES[853],
CHIMES[854] und
MOSES[855]; in den Werken dieser „vielen Alten“ und in den
Schriften der Juden finden sich die rechten Lehren niedergelegt[856],
und zwar gibt es „tausend Bücher, behandelnd das Weißen, das Gilben,
und die Diplosis unseres Kupfers“[857], vorhanden in den Bibliotheken
der Ptolemäer und in denen fast sämtlicher Tempel, vor allem aber
des Serapeions zu Alexandria[858]. Das Wesen der Kunst, der χημεία
(Chemeía, Chemie), ist analog dem der Schöpfung, der κοσμοποιία
(Kosmopoiía), und betrifft die Reinigung und Befreiung der an die
Körper (στοιχεῖα, Stoicheía) gebundenen göttlichen Seele, des an das
Fleisch gefesselten göttlichen Pneumas (θεῖον πνεῦμα); denn empor zur
Vollendung der himmlischen Sonne, Königin des Himmels, rechtes
Auge der Welt, oder ἄνθος (Anthos = Blüte) des Feuers geheißen,
wird durch das Pneuma auch das Kupfer erhoben, indem es, genügend
„gereinigt“, Anthos (d. H. Goldfarbe, Goldglanz) erhält und sich
wandelt zur irdischen Sonne, zur Königin der Erde[859].
Das Kupfer, von dem das große Werk seinen Ausgang nimmt, muß „unser
Kupfer“ sein, enthaltend, wie schon MARIA lehrte, die
Tetrasomie des Kupfers, Bleies, Zinns und Eisens[860], welche vier
Stoffe, laut der durch DEMOKRITOS überlieferten Erkenntnis
der „Ägypter“, sämtlich allein aus dem Blei hervorgehen[861]: denn
dieses ist höchst verwandlungsfähig und kann, wie zu vielem anderem,
so auch zunächst zu Kupfer und weiterhin zu „Weißem und Rotem“,
„Kadmia und Zinnober“, Silber und Gold werden[862]. Wie bereits
MARIA wußte, gelangt „unsere Kunst“ auch allein durch
Verschmelzen des gemeinen schwarzen Bleies mit Kupfer und anderen
Metallen zur Darstellung der Legierung Molybdóchalkos (des Bleikupfers,
τῆς συνθέτου = des synthetischen, zusammengesetzten)[863], „unseres
schwarzen Bleies“, sowie der Magnesia, auf die sich die Worte beziehen
„aus Zwei wird Eins, aus Drei wird Eins, aus Zwei wird Drei“[864].
Im Gegensatz zur einfachen cyprischen Magnesia [einem natürlichen
Mineral oder Metall][865] heißt unsere Magnesia so von
μιγνύειν (mignýein = mischen), ähnlich wie man das Gemenge von Zinn
und Quecksilber auch als μῖγμα bezeichnet[866] [Migma, auch Magma =
Gemisch; arabisch al Magmaʿ = Amalgam]. Den Namen μᾶζα (Máza = Teig,
Brot) für Magnesia brachte MARIA auf[867], und nach ihm wieder
führen die „Wässer“ [die Schmelzen], die das Kupfer so vermehren und
verändern, daß es ἄνθη φέρει (Blüten trägt = Gold wird), die sog.
χαλκύδρια (Kupferwässerchen), auch den Titel ὕδατα μαζυγίου, „Wässer
des Mazachens“[868]. Endlich heißt die Magnesia oder „unser Blei“ auch
πᾶν (pan = Alles), denn zutreffend sprach CHIMES von ihr als
vom „ἓν τὸ πᾶν“ (Eines in Allem; Alles in Einem), da sie nur Eines ist,
aber Alles werden kann und Alles in sich enthält[869]; sind doch in
Magnesia und Molybdochalkos das Silber und Gold schon „der Möglichkeit
nach“ (δυνάμει, potentia) vorhanden, so daß man, um sie auch „in
Wirklichkeit“ (ἐνεργείᾳ, actu) zu erhalten, nur ihre im Inneren
verborgenen Naturen (Qualitäten) herauszukehren braucht, — was eben
vermöge der Projektion geschieht[870].
Die Umwandlung, μεταβολή (Metabolé), oder ἀλλοίωσις (Alloíosis)
der σώματα [Somata = Körper, Metalle], also der Magnesia, des
Molybdochalkos, sowie ihrer Bestandteile, des Kupfers, Bleies, Zinns,
Eisens und Asems [hier = Silbers], zu Gold erfolgt im allgemeinen
durch Einfluß der πνεύματα (Pneumata, Geister), die eine Bindung
(σύνδεσμος) und Fixierung (πῆξις) erleiden[871]; Vorbedingung hierfür
ist jedoch die Erregung einer gewissen „Neigung“ zur Umwandlung,
hervorgerufen durch „Annäherung“ der Substanzen, und sie wird erfüllt
durch Überführung in das „Schwarze“ [d. I. In den Zustand der noch
„ungeordneten“, aber zum Übergange in jede „Ordnung“ fähigen Urmaterie,
Materia prima][872], in „unser schwarzes Blei“[873], gleichend der
μελαίνα σποδός [schwarzer Asche, Schlacke oder Kohle] und tiefschwarz
wie Raben und Krähen[874]. So wie das Gewebe im bunten Farbbade durch
Farbstoffe und Beizen, ganz ebenso erhält das Schwarze (μέλαν) in
diesem schwarzen Farbbade, in der βαφὴ μέλαινα, der schwarzen Brühe
oder Schmelze, durch Zusätze und Beigaben die rechte Färbung, es wird
durch „weißen Schwefel“ in Silber, durch „gelben Schwefel“ in Gold
übergeführt[875]. Deshalb ist, wie schon MARIA lehrte, die
Schwärzung, bei der sie angeblich zuweilen auch Chálkanthos [unreinen
eisenhaltigen Vitriol] und Galläpfel benützte [also eine Art Tinte
erzeugte][876], die erste jener vier Hauptoperationen, die sie
Schwärzung, Weißung, Gilbung und Rötung nannte und als ἔργα τοῦ λίθου
bezeichnete[877], als Wirkungen jenes Steines, den man auch κιννάβαρι
τῶν φιλοσόφων (Zinnober der Philosophen) heißt[878].
Wirksam bei der Umwandlung, z. B. Wenn sich Kupfer „gelb“ färbt [=
Gold wird], sind jedenfalls gewisse Qualitäten. Einige nehmen an, daß
diese körperlicher Natur sind, selbst zu Gold werden und dann auch Gold
erzeugen (ποιότης γίνεται χρυσός, καί ποτε ποιεῖ τὸν χρυσόν), worin
eben „das große Mysterium“ bestehe[879]; andere hingegen halten zwar
ebenfalls dafür, „daß die Qualitäten wirken“ (ποιότητες ἐνέργουσιν),
bestreiten jedoch, daß sie körperlicher Natur seien und daß, wenn sie
von solcher wären, ein Körper in einen anderen eindringen könnte[880].
Stets bleibt also ein „Träger der richtigen Qualitäten“ notwendig, der,
in vorgeschriebener Weise dargestellt, gereinigt und „ausgesüßt“, die
drei erforderlichen Haupteigenschaften „des Färbens, Eindringens und
Fixierens“ besitzt und übermittelt, also erst oberflächlich und
dann innerlich zu Gold färbt, und auch dauernd zu
Gold macht[881]; dieser ist „unser Gold“, „das große Mysterium“,
das Xérion (ξήριον)[882].
Das Xerion wirkt nach Art einer Hefe [eines Enzyms], ζύμης χάριν: wie
das Einstreuen von ganz wenig Hefe eine große Menge Teig in Gärung
versetzt und umwandelt, so wird auch „schon durch eine Kleinigkeit
Xerion [Streupulver]“ die ganze Masse „fermentiert“ und zu Gold
gestaltet[883]. Namentlich ergibt aber, wie in den ägyptischen Tempeln
des PTAH seit altersher bekannt ist, „Weißes“ die Kadmia,
d. I. Silber, und „Gelbes“ oder „Rotes“ den Zinnober, d. I. Gold,
weil eben jedes Ding seinesgleichen zeugt, so daß, wer den Samen
des Getreides säet, Getreide, und wer den des Silbers und Goldes
säet, Silber und Gold ernten wird[884]. Daher ist es unter allen
Umständen vorteilhaft, dem Xerion Blättchen oder Flitter von Silber,
Gold oder auch Elektron (Gold-Silber-Legierung) zuzusetzen, denn
diese bewähren sich schon ihrerseits als χρυσόσπερμα (Chrysósperma =
Goldsamen) und χρυσοζυμία (Chrysozymía, Goldhefe), erregen als solche
die entsprechende Silber- und Gold-Gärung und bringen immer neues
Silber und Gold hervor[885]. Wie in der Heilkunde, so ist auch hier
das Streupulver ein Phármakon[886], eine Medizin, „der die richtige
Kraft innewohnt“ (φάρμακον τὴν δύναμιν ἔχον)[887]; begünstigt durch
die Wärme des Düngers oder der Thermospodien zieht sie sich, äußerlich
aufgebracht, in das Innere, wo die Vereinigung erfolgt[888].
Diese Vereinigung ist aufzufassen als eine wahre Vermählung der Naturen
(ein συγγαμεῖν der φύσεις), bei der nur Männliches (ἀρρενικῶς),
Weibliches (θηλυκῶς), oder allenfalls Zwitterhaftes (οὐδετέρως =
Keines von Beiden) in Frage kommen kann, entsprechend der Lehre der
Alten, daß das Werk (τὸ ἔργον) vollendet wird durch das Männliche
und Weibliche[889]. An sich ist das Kupfer, ebenso wie das Blei, die
Magnesia usf., tot und unbelebt (οὐδὲ ζῶντα)[890]; aber begierig
vermählt sich seine Natur mit einer anderen, erfreut sich an ihr und
beherrscht sie[891], und hierbei keimt neues Leben und es entsteht
ein Embryo, dessen Entwicklungszeit, falls keine Fehlgeburt eintritt,
neun Monate dauert[892], durch erhöhte Wärme aber nach einigen Autoren
auf sechs Monate, nach anderen auf 110, auf 41, auf 21, ja auf 14
Tage verkürzt werden kann[893]. Wie sich in der Matrix aus dem kalten
Blute der Katamenien und dem heißen, von Pneuma erfüllten Samen ein
Lebewesen (ζῶον) bildet, das anfangs unmerklich ist, allmählich Größe,
Gestalt und Farbe erhält, zuletzt in reifem Zustande geboren wird und
dann allen sichtbar vor Augen steht, ganz so gestaltet sich auch der
Vorgang beim heiligen Werke, nur daß, dessen Wesen entsprechend, sein
Endprodukt dem Feuer widersteht[894].
Demgemäß sieht ZOSIMOS in seiner großen Vision, als
göttliche Gnade dem in magischem Schlafe Befangenen das Geheimnis
der Transmutation eröffnet, aus dem als Phiále gestalteten Altare
ein Menschlein aufsteigen, ἀνθρωπάριον [= homunculus][895];
es ist zunächst das Kupfer-Menschlein, ἀνθρωπάριον χαλκοῦ,
eine Platte Kupfer, Blei oder Molybdochalkos in Händen haltend,
und bekleidet mit kupferfarbigem, rotem, königlichem Gewande[896];
durch weitere Behandlung „im Bade der μέλαινα βαφή“, der schwarzen
Brühe oder Schmelze, sowie durch Verbrennung von „Blut und Knochen
des Drachens“, wird dieser Kupfer-Mensch oder χαλκάνθρωπος
(Chalkánthropos) erst zum ἀργυράνθρωπος; (Argyránthropos) oder
ἀσημάνθρωπος (Asemánthropos), zum Silber-Menschen[897], der
ganz weiß, die glänzende Gestalt des Gottes AGATHODAIMON
annehmend, im Feuer erscheint, sodann aber, indem das Silber-Menschlein
durch die Glut „rote Augen“ bekommt[898], zum χρυσάνθρωπος
(Chrysánthropos), zum Gold-Menschen[899]. Dieser χαλκάνθρωπος
χρυσός (goldgewordener Kupfer-Mensch), auch κινναβάρις τῶν φιλοσόφων
[Zinnober der Philosophen, d. I. Gold] geheißen, ist das Ziel und Ende
des Werkes[900]. „Blut und Knochen des Drachens“, d. I. Der Schlange
UROBOROS, die als Schlange des AGATHODAIMON auch
Bewacherin der Tempel und Priester [= Öfen und Chemiker] ist, erhält
man „durch Schlachten und durch Verarbeiten des Fleisches und der
Gebeine“; der Drache besitzt drei Ohren und vier Füße, [deutend auf die
drei αἰθάλαι (Aithálai, Dünste) des Schwefels, Arsens und Quecksilbers,
sowie auf die vier Metalle der Tetrasomie, das Blei, Kupfer, Zinn
und Eisen, durch deren Schmelzung und Verbrennung „Blut und Knochen“
gewonnen werden]. Manche glauben, daß die Schlange, weil sie auch die
Aithále des Quecksilbers liefert, deshalb von einigen selbst als
„Zinnober der Philosophen“ bezeichnet werde; in der Tat aber führt sie
diesen Namen, weil sie das Symbol des Endproduktes beim großen Werk,
dieses Werkes selbst und der ganzen Natur darstellt, denn gleich dieser
hat auch sie weder Anfang noch Ende, — weshalb sie sich auch in den
eigenen Schwanz beißt —, sie ist „ἕν τὸ πᾶν“, Eines in Allem und immer
nur Eines, ganz so, wie auch die Urmaterie, bei allen Wandlungen
des großen Werkes, im Grunde immer nur die nämliche bleibt[901].
— Die in mehreren Manuskripten erhaltenen, mit Erklärungen und
Inschriften versehenen Abbilder der Schlange UROBOROS
entsprechen tatsächlich diesen Schilderungen, bei denen wohl Einflüsse
der schlangenverehrenden Gnostiker, Ophiten usf., sowie Erinnerungen
an den „feuerbewohnenden“ Salamander mitspielten[902]; auf das
„königliche“ (weil rote) Gewand des Kupfer-Menschleins dürfte sich
auch die bisher unerklärte Tatsache zurückführen lassen, daß die in
der Phiále unter Menschengestalt erscheinenden Metalle mit Vorliebe
gerade als Könige dargestellt wurden, wofür u. A. Noch das
Pariser Manuskript 7147 sowie MANGETS „Bibliotheca Chemica“
von 1702 schöne Beispiele bieten, wenngleich hier wiederum die, zum
Teil in prächtigen Farben ausgemalten Figuren der Könige mit jenen der
Planeten-Götter zusammengeworfen sein mögen (s. Unten)[903].
Im Verlaufe der Vision ertönt eine „Stimme von oben“[904],
verkündigend: „Pneuma werde ich ἐξ ἀνάγκης (durch Zwang), durch die
Gewalt des Beschwörers, des Hierurgen, des οἰκοδεσπότης [Gebieters des
Tempels = Ofens], des φύλαξ πνευμάτων (des Bewachers der Pneumata), der
mich umgewandelt hat, μετασωματούμενος“[905]; tatsächlich wirkt auch
das Xerion durch die Macht der Pneumata, die fähig sind, Veränderungen
jeder Art herbeizuführen[906]. Sie sind enthalten in den Säften
zahlreicher Pflanzen, z. B. Des Chelidoniums (Schöllkrautes), des
Safrans, usf., die Färbung (βάμμα) und Diplosis in ganz gleicher Weise
bewirken, in der die Säfte mancher Zauberkräuter (βοτάναι, Botánai),
z. B. Die der Mandragora (des Alrauns), gewisse magische Eigenschaften
entfalten[907]; in viel reichlicherer Menge aber entspringen sie
den Gesteinen, vor allem wieder unter dem Einflusse des mächtigen
Feuer-Pneumas, das sich z. B., wie allbekannt, beim Brennen des
Kalksteines so mit diesem vereinigt, daß er, als gebrannter Kalk, eine
völlig neue und einzig dastehende Beschaffenheit annimmt[908]. So ist
auch alles das ein Pneuma, was beim Erhitzen der durch Reinigung
und Tarichíe (Einsalzung) vorbereiteten Stoffe „nach oben (ἄνω, áno)
aufsteigt“[909], z. B. Das beim Rösten des Sandarachs Entweichende
[d. I. Arsenigsäure], sowie der aus „unserem Kalk“ [= Arsenigsäure]
durch Sublimation [unter Zusatz eines Reduktionsmittels] gewinnbare
λίθος oder „Stein“ [= metallisches Arsen][910]. Sobald man nun
Schwefel, Arsen, Quecksilber, oder ähnliche „sublimierte Geister“ auf
die „Körper“ (σώματα, Metalle) projiziert (ἐπιβάλλει)[911], vereinigen
sich die flüchtigen, also ihrem Wesen nach unkörperlichen Pneumata mit
der inneren Natur oder ψυχή (Psyche, Seele) der Metalle zu einem σῶμα
πνευματικόν (durchgeistigten Körper)[912], sie bemächtigen sich der
Materie (ὑλή, Hýle) und beherrschen sie[913], werden dabei aber selbst
körperlich und fest, und bewirken bei dieser Fixierung „als färbende
Prinzipien“ die Entstehung von Silber und Gold[914]; erforderlich
ist hierzu, daß sie die, dem angestrebten Zwecke entsprechenden
Kräfte auch wirklich enthalten, es wird also nur der „Stein“, dem das
φάρμακον τὸ τὴν δύναμιν ἔχον (die richtig wirkende Medizin) innewohnt,
das „mithrische Mysterium“ verrichten, d. H. Mithras = Sonne = Gold
geben[915].
Unter den „Geistern“ sind die wichtigsten jene, die beim Sublimieren
des Schwefels und Arsens als αἰθάλη (Aithále = Dunst, Rauch) und beim
Sublimieren von Quecksilber und Arsen als φεῦγον (Pheúgon = Fliehendes,
Flüchtiges) entweichen[916].
Der „lebendige“ Schwefel verdampft schon für sich mit
Leichtigkeit und wirkt beim Projizieren durch sein kräftiges πνεῦμα
βαπτικόν (färbendes Pneuma) auf alle Metalle ein, wobei er sie,
z. B. Das Kupfer, anfangs durch das πνεῦμα μελάντερον (schwarzes
oder schwärzendes Pneuma) tief schwarz färbt [durch Bildung von
Schwefelkupfer u. Dgl.], während sich sonstige, hellere, gelbliche und
rötliche Färbungen erst späterhin einstellen[917]; daß schon ein wenig
Schwefel eine große Menge anderer Stoffe „verbrennt“ und viele Metalle
und Steine zerstört, ist daher eine richtige Lehre der Alten[918].
Das Quecksilber erhält man durch „Entschwefeln“ (ἐκθείειν) des
Zinnobers, sei es durch Einwirkung heißen (geschmolzenen?) Natrons
(νιτρέλαιον, Nitrélaion = Öl aus Nitron), sei es durch Erhitzen mit
Kupfer, Blei oder Zinn nebst Essig; arbeitet man nach den Regeln
der Kunst, τεχνικῶς (technisch richtig), so erhebt sich, wie schon
DEMOKRITOS angab, aus dem „Stein“, nämlich dem Stein des
Quecksilbers, dem Zinnober, ein Pneuma in Gestalt einer aufsteigenden
Wolke (νεφέλη διαβαίνει), und die Fixation dieser Wolke, dieses
Pneumas, auf „unserem Kupfer“ oder auf dem „Körper der Magnesia“ ergibt
Silber[919]; daher erklärt sich der Ausdruck „Behandle das Kupfer!
Bekämpfe das Quecksilber (μάχου ὑδράργυρον)! Mache es unkörperlich
durch Verflüchtigung mit Hilfe der τέχνη (Technik, Kunst)! “[920]
Einige nennen Quecksilber etwas Körperliches, Schweres, Flüssiges,
Andere aber etwas Geistiges, Leichtes, Pneumatisches[921]; beide sagen
etwas Richtiges, denn einerseits ist Quecksilber ein „Körper“ (σῶμα,
Soma), ein silbernes Wasser (ἀργύριον ὕδωρ), ein flüssiges Silber
(ὑδράργυρον), andererseits aber ein φεῦγον πνεῦμα (flüchtiges Pneuma),
ein φεῦγον ἀεὶ (ein stets Flüchtiges), ein φυγαγοδαίμων (ein flüchtiger
Dämon oder Gehilfe, „servus fugitivus“)[922]; es ist also „ein Metall
und kein Metall“, zählend zu den σώματα ἀσώματα (unkörperlichen
Körpern), demnach ein Zwitter (οὐδετέρως = Keiner von Beiden), ein
Hermaphrodit (ἀρσενοθήλυ = Mannweib)[923].
Das „zweite Quecksilber“ [d. I. Metallisches Arsen] entsteht
nicht aus Zinnober, sondern aus „gelbem Sand“, auch κόμμι (Gummi)
genannt[924], oder aus „rotem Sand“ oder Sandarach[925]. Reinigt
und befreit man diese durch vorsichtiges Erwärmen und Rösten vom
Schwefel, so entlassen sie unter dem weiteren Einflusse des Feuers
zunächst ihr Pneuma, ihr färbendes, von DEMOKRITOS auch als
„Seele des Färbenden“ bezeichnetes Prinzip [d. I. Arsenigsäure], das
man auch „Weißes“ nennt, „weißes Flüchtiges“, „weißen Rauch“[926],
„Welke des Arsens“ (νεφέλη τοῦ ἀρσενίκου)[927], „unseren Kalk“[928],
„unser Bleiweiß“ (ψιμύθιον)[929], „knolligen Alaun“ (στυπτηρία
στρογγύλη)[930], „scythisches Wasser“[931], usf.; auch aus den Krusten
der roten Kobathia entweicht beim Verbrennen im Ambix ein Rauch, der
nichts anderes ist als jene „Wolke“[932]. Weiß, wie diese selbst
ist, „weißt“ sie auch alles andere, sowohl die „einfache Magnesia
aus Cypern“ [ein natürliches Mineral oder Metall] als auch die
Masse „unserer Magnesia“, der „durch unsere Kunst zusammengesetzten
Legierung“ (τῆς συνθέτου = der synthetischen), des Molybdochalkos[933].
Durch Erhitzen mit verschiedenen anderen [nämlich reduzierenden]
Stoffen gewinnt man dann weiterhin aus diesem „Kalk“ [der Arsenigsäure]
das zweite Quecksilber [metallisches Arsen][934], den „Vogel“, der
flüchtig aufsteigt (ἐξατμιζόμενος), sich am Deckel des Gefäßes wieder
niederläßt und den Stein (λίθος) bildet, dessen Projektion das
Kupfer in Silber verwandelt[935].
Aus Schwefel, Arsen, Quecksilber, oder aus Stoffen, die diese
ergeben, bereitet man auch das göttliche Wasser, ὕδωρ θεῖον
(Hydor theion); ursprünglich verstand man hierunter das ὕδωρ θείου,
das „Wasser des Schwefels“ [oft auch Schmelze des Schwefels, der
Arsenigsäure usf., denn „alles was schmilzt, hat die Natur des
Wassers“]; späterhin „Jegliches was sich nach oben (ἄνω) erhebt“, also
das Pneuma der schwefel-, arsen- und quecksilberführenden Substanzen,
gemäß dem Grundsatze „nach oben (ἄνω) das Himmlische, nach unten
(κάτω) das Irdische[936]; zuletzt endlich ein Gemenge, das allem
nur möglichen „Flüssigen“ (= Geschmolzenen) entspringen kann[937].
Die benützten Substanzen sind an sich nicht feuerbeständig, aber im
Laufe des „Werkes“ (ἔργον) werden sie es teilweise [d. H. Soweit sie
nichtflüchtige Reste zurücklassen], während sich zugleich ihre Dünste,
die αἰθάλαι, dem „schwarzen Blei“ zugesellen[938]. Von den zahlreichen
Arten des göttlichen Wassers zeigen drei der wichtigsten, das gelbgrüne
„Rettigwasser“, das grünschwarze „Ricinuswasser“, und das „Regenwasser
der Alten“ ganz hervorragende Kraft, aber auch so entsetzlichen Geruch
[wohl nach Schwefelwasserstoff oder schwefliger Säure?], daß man die
Gefäße nicht öffnen darf ohne sich die Nase fest zuzuhalten[939]; im
übrigen trägt das göttliche Wasser noch „tausend Namen“[940], unter
deren etwa vierzig häufigsten besonders zu erwähnen sind: „Milch der
Frau, die einen Knaben geboren hat“ und „Milch der schwarzen Kuh“
d. I. Des Zinnobers [der tatsächlich anfangs schwarz gewonnen wird
und erst beim Sublimieren rot wird][941]. Das göttliche Wasser ist
δίχρωμος (díchromos, zweifarbig), nämlich je nach seiner Zubereitung
weiß oder gelb und erzeugt demgemäß auch seinesgleichen, also weißes
oder gelbes Edelmetall[942], wobei es nach Art der Hefe (ζύμης χάριν)
einwirkt[943]; es vermag „Alles an Allem“ (πᾶν ἐν πᾶσι), vereinigt
in einem Wesen zwei Naturen (δύω φύσεις, μία οὐσία)
und liefert dem „Wissenden“ (νόων), der diese richtig zu gebrauchen
vorsteht, Silber und Gold[944].
Die benützten Apparate (ὄργανα = Organa)[945] und Öfen (καμίνοι
= Kamine) beschrieb ZOSIMOS mehrfach, u. A. Auch in einer
eigenen Abhandlung περὶ ὀργάνων καὶ καμίνων, deren Hauptwert in der
Erhaltung vieles Älteren liegt, das zum Teil auf DEMOKRITOS,
MARIA, KLEOPATRA usf. Zurückgehen soll (und
insoweit bereits oben besprochen wurde). Die nötigen Gefäße fertigt
man entweder aus Ton an oder aus Glas, das den Vorteil bietet
durchsichtig zu sein und die gefahrlose Behandlung schädlicher und
giftiger Stoffe zu ermöglichen, z. B. Der Dämpfe des Quecksilbers
oder des Rauches der Kobathia[946], die man im Ambix verbrennt. Zu
den besten Glasgefäßen zählen die aus Askalon in Syrien[947], und es
gibt ihrer sehr mannigfaltige; aus ihnen setzt man auch jene guten
Destillier-Vorrichtungen zusammen, die Leute von Geist erfanden,
gelehrte Menschen, die des ARCHIMEDES „Pneumatika“, die
Werke des ARCHIMEDES, sowie die Abhandlungen anderer, der
Mechanik kundiger Schriftsteller auf das Gründlichste studiert
hatten. Solche Apparate[948] bestehen, wie bereits MARIA
angab, aus verschiedenen Teilen: dem Füllgefäß oder Ambix (ἄμβιξ,
ἄμπυξ), auch κνούφιον genannt [Knúphion: wohl wegen der Gestalt des
Aufsatzes oder Helmes, der dem Kopfschmucke des Gottes CHNUB
oder CHNUM glich[949], und zuweilen als Di- oder Tribikos
ausgebildet; der Abzugröhre (σωλήν); dem Sammelgefäß (βίκος, βῆκος,
βύκος, ἄγγος); dem schlangenförmigen (δρακοντῶδες) Kühlrohr,
[an, nicht in dem die Sublimate und Kondensate sich
kühlen und absetzen], usf. Man verbindet und dichtet sie mittels
Fett, Wachs, Tonerde, Gips, Ölkitt und anderen Kitten[950], schützt
ihre Wände und den „Hades“ [den Boden][951] durch einen Lehmbeschlag
(ἐπιδέρμις = Epidérmis) von der Stärke eines halben Fingers[952], und
verschließt sie mit Tonstöpseln, die ringsum genau eingepaßt sind
(ἰσόμετρον, isometrisch)[953]. So vorgerichtete Gefäße vertragen
nicht nur die „natürliche“ Wärme des Pferde-, Kuh-, Esels-Mistes und
Vogelkotes[954], sondern auch die „künstliche“ der Thermospodien
(Aschenbäder)[955] und der Kamine, deren ZOSIMOS einige,
allerdings in verfallenem Zustande, schon in einem uralten Heiligtum zu
Memphis gesehen haben will[956]; man heizt sie mit Schilf, „Prismen“
[= Scheitholz] oder Holzkohlen (ἄνθραξ, Anthrax)[957] und kann so bei
genügender Vorsicht jede Wärme erzeugen., selbst bloße Handwärme[958].
Sobald die erforderliche Hitze erreicht ist, beginnt das Aufsteigen
(ἀναγωγή) der Dämpfe und Sublimate, und diese setzen sich in Tropfen
an den Deckel des Gefäßes (λέβης) an; sublimiert man z. B. Quecksilber
aus dem Goldamalgam, das beim Ausziehen des Goldes aus der Asche
alter goldgewirkter Stoffe oder aus dem Pulver goldhaltigen Sandes
gewonnen wurde, so muß man daher Wasser bereithalten, um den Deckel
mittels eines Schwammes stets ausreichend befeuchten zu können[959];
bei anderen Substanzen erfolgt die ἄρσις ὑδάτων (Arsis, Erhebung
der Wässer), die stets ganz verschieden von der bloßen
Herstellung dieser Wässer ist, schon bei geringerer Wärme, doch
sagt man auch hierbei von dem aus ihnen Sublimierenden und Abtropfenden
(ἀποσταζόμενον De-stillierenden), es sei „ihr Quecksilber“[960]. Die
Rückstände (σκωρίαι) sind die Toten (νεκροί): sie bleiben liegen und
erwarten die ἀναστάσις (Anastásis, Auferstehung), deren sie fähig
bleiben, falls sie durch das Pneuma nochmals neu beseelt werden
(σώματα νεκρὰ ἐμψυχοῦνται)[961]; möglich ist eine solche
„Wiederbelebung“ stets, selbst bei den „Knochen der Perser“, die
auch „Knochen des Kupfers“ heißen und aus verbranntem Kupfer, Blei,
Zinn und Eisen bestehen[962].
In vielen Fällen unterwirft man die umzuwandelnden Rohmetalle,
in leinene Binden gewickelt, zunächst der „großen Einsalzung“
oder Tarichíe (ταριχεία μεγάλη), bei der sie anfangs mit gewissen
Zutaten im Pferdemiste oder Vogelkote 20 Tage und länger digeriert
werden[963]; in anderen wieder kocht man die Bestandteile wie bei der
Seifenbereitung (σαπωναρικὴ τέχνη) mit Asche und Spodos („Gebranntem“),
bis sie fest werden gleich Seifenmasse (σαπωναρικὴ στάκτη) oder Seife
(σαπώνιον)[964]; die entstandene Verbindung wird dann „ausgesüßt“ (τὸ
σύνθημα γλυκαίνεται), und zwar durch Auswaschen mit „süßem Wasser“
(γλυκοῖς ὕδασι)[965], oder „filtriertem Wasser“ (ὕδωρ ἀποσταζόμενον =
Abgetropftes)[966].
Als Gewichtseinheit führt ZOSIMOS öfters κεράτιον (Kerátion)
an[967], — wohl die Quelle des „Karats“; auf ihn soll auch
schon die Idee eines allgemeinen Lösungsmittels zurückgehen, des
παντόρρευστος[968], des „Alles-Lösenden“ [des Alkahests der späteren
Alchemisten].
Unter den Chemikalien bespricht ZOSIMOS etwas
ausführlicher das Bleiweiß. Es entsteht[969] bei längerer Behandlung
des Bleies „mit den Dämpfen“, — nämlich denen des Essigs, der auch
als „schärfster“, λίαν δριμύτατος, vorkommt[970] —, und ergibt beim
Erhitzen erst Bleiglätte und sodann Mennige (σηρικόν, Serikón); diese
beiden Stoffe sind fähig, sich wieder mit Essig zu vereinigen, und wenn
sie sich mit ihm verbunden haben (κοινωνίαν ποιούμενος), zeigen sie die
wunderbare Fähigkeit anfangs salzartig und süßlich zu werden, später
aber wieder in schönes Bleiweiß überzugehen [infolge allmählicher
Umwandlung des süßlich schmeckenden Acetates, sog. Bleizuckers, durch
die Kohlensäure, z. B. Die der Luft, deren Rolle das Altertum nicht
erkannte]. Auf gleich merkwürdige Weise wie Mennige verwandelt sich
Sandarach [rotes Schwefelarsen], — dieses aber beim Rösten —, in eine
derartige schön weiße Masse [d. I. Arsenigsäure], die deshalb ebenfalls
„Bleiweiß“ genannt wird[971].
Sehr wichtig für das große Werk ist der Pyrit, von vielen auch
„Etesischer Stein“ genannt, „der herrlichste und von der Gottheit
geliebteste sämtlicher Steine“ und „aus Allem zusammengesetzt“[972].
[Diese Vorliebe für den Pyrit, der tatsächlich oft die verschiedensten
unedlen und edlen Metalle enthält, ist wohl hauptsächlich auf das
Vorkommen der schön silber- und goldglänzenden Varietäten, Silberkies
und Goldkies, zurückzuführen, die nicht selten schon selbst für Silber
und Gold angesehen wurden.]
Von den farbigen Mineralien sind die prächtigsten der „Armenische
Blaustein“[973] [Kupferlasur] und der Zinnober, unter dessen Namen aber
„alles Gelbe und Rote“ zusammengefaßt wird, u. A. Minium (Mennige)
vom Pontos und aus Sinope, Realgar, Oker, Rötel (μίλτος), Hämatit
(Roteisenstein), geglühtes Misy und Chálkanthos [d. I. Rotes Eisenoxyd]
usf. [974]. Aus dem eigentlichen Zinnober erhält man durch Entschwefeln
(ἐκθείειν), z. B. Durch Erhitzen mit Natron (νιτρέλαιον) das
Quecksilber[975]; umgekehrt wird Quecksilber durch Schwefel erst „gelb
gemacht“ und „in den Zustand einer gelben Gerinnung versetzt“ [976] und
geht dann in Zinnober über.
Einige bemerkenswerte Zitate aus ZOSIMOS, die zum
Teil verlorenen Werken zu entstammen scheinen, finden sich bei
PELAGIOS, OLYMPIODOROS, dem PHILOSOPHUS
ANONYMUS und einem ungenannten KOMMENTATOR. Nach der
Lehre „ZOSIMOS des Vielwissenden“ [977] sind theoretisches
Verständnis und praktische Übung gleich notwendig, um die τέχνη
(Technik, Kunst) zu bemeistern[978], namentlich da deren wichtigste
Grundlage und überhaupt das vornehmste aller Mittel, das so schwer
zu beherrschende Feuer ist[979], — daher denn die Chemiker auch
„Feuer-Philosophen“ [mittels des Feuers Forschende, Philosophi per
ignem] heißen. Was die „Umwandlung“ betrifft, „so läuft alles auf
das Blei hinaus“, denn dieses ist „unsere Magnesia“ und das „Ei der
Philosophen“, das zwar aus vier Komponenten besteht, diese aber doch
als Einheit enthält[980]; Schwärzung und Weißung erfolgen, — so
deutete ZOSIMOS mystisch an (εἶπεν μυστικῶς) —, im δώματι
ἱερατικῷ [im Tempel = Ofen][981], und das Schwarze und Weiße gleichen
der κόρη des Auges (Kóre = Pupille) und der ἴρις des Himmels (Iris =
Regenbogen)[982]; als Xerion wirksam ist das Pneuma[983], und „die neue
Färbung zu Gold verleihend“ kommt es der Medizin gleich, die krankes
bleiches Blut in gesundes rotes überführt[984].
Wie der KOMMENTATOR berichtet, dessen Abhandlung nur
in sehr verdorbenem und verstümmeltem Zustande auf uns gekommen
ist[985], stellte ZOSIMOS als eine Hauptlehre den Satz auf:
„Erfahrung ist die große Meisterin, denn auf Grund bewiesener
Ergebnisse lehrt sie den Verständigen das Vorteilhafteste“[986].
Als sehr wichtig für das große Werk erklärte er unter Berufung auf
HERMES TRISMEGISTOS den Einfluß der Planeten, „wie denn die
Sonne dem Gold vergleichbar ist“, und für die wirksamste planetarische
Sphäre hielt er die des HERMES (Merkur), schon weil der
Schattenkegel der Erde gerade bis zu ihr reiche[987]. Die Dauer
des Werkes, das mit Erwärmen im Dünger beginnt, gab er zu 40 Tagen
an[988]; der Behandlung unterwirft man dabei den „ἄσβεστος der Alten“
(Asbest = Kalk), der aber nicht das Nämliche ist wie ἄσβεστος λευκή
[weißer Asbest = gebrannter Kalk], vielmehr aus gebrannten Metallen
[verkalkten Metallen, Metallkalken] besteht[989]. Wie die Meister des
„Tieremalens“ ζωογράφοι = Maler überhaupt] ihre Farbstoffe auf der
Palette, so mischen die Meister des großen Werkes die ihrigen auf der
Kerotakís zusammen[990], sie vermengen sie mit allerlei Zutaten, z. B.
χρυσοκόμιον (wörtlich Gold-Leim = Chrysokolla)[991], sie reinigen
und waschen sie mit Wasser, mit gewöhnlichem und mit solchem, das,
wie bei der Seifenherstellung (σαπωναρικὴ ἐργασία), durch Asche
filtriert ist[992] usf. Beim Erhitzen geben manche Körper, z. B.
Die verschiedenen Schwefel, ihre „innere Natur oder ψυχή (Psyche,
Seele)“ ab, die das Feuer als Dunst aus ihnen austreibt: kommen
diese flüchtigen und färbenden Dämpfe mit gewissen anderen Stoffen
zusammen, z. B. Mit Quecksilber, so halten sie sich gegenseitig fest
und binden sich, sie schlagen sich nieder, sie sterben ab und erleiden
νέκρωσις (Nékrosis = Tötung) und die entstandenen Substanzen heißen
in diesem Zustande „Grabmal des OSIRIS“[993]. So bildet
sich, wie ZOSIMOS im „Buch der Schlüssel“ beschrieb, durch
Vereinigung heißen Quecksilbers und Schwefels der Zinnober, zunächst
als eine schwarze [erst beim Sublimieren rot werdende] Masse, auf die
sich der mystische Spruch vom „schwarzen Geist“ bezieht[994], aber
auch die Benennung des Quecksilbers und nach Anderen des Schwefels
als „Milch der schwarzen Kuh“, γάλα βοὸς μέλαινας[995]; erhitzt man
umgekehrt Zinnober, auch solchen künstlich (τεχνική) dargestellten,
nebst gewissen Zutaten in einem rings geschlossenen Gefäß oder Rohr
[d. I. Die spätere Aludel; arabisch al udal genannt], so „sublimiert“
aus ihm das Quecksilber, steigt als „weißes Wasser“, „Silber-Wasser“,
„göttliches Wasser“ empor, in Gestalt eines furchtbar giftigen, in
der Hitze gar nicht festzuhaltenden „ätherischen Pneumas“ (πνεῦμα
αἰθερῶδες), verliert dann beim Abkühlen seinen „flüchtigen Schwung“
und setzt sich an den Deckel an, so daß man an diesem nach dem
Löschen des Feuers die Tropfen vorfindet und sie sammeln kann[996].
„Fest gewordenes Quecksilber“ [d. I. Entweder dieses kondensierte
oder ein Amalgam] bezeichnen einige auch als „Gips“ und den Zinnober
(κινναβάρις, Kinnabáris) als κασσίτερος [Kassíteros = Zinn; vielleicht
weil er festes Quecksilber = „Zinn“ ergibt?][997]. — Wer alles dieses
weiß und versteht, wird das Rechte finden, und „wer das Rechte gefunden
hat, heilt die unheilbare Krankheit der Armut“[998].
Die syrischen Manuskripte enthalten Vieles und Ausführliches
aus den verschiedenen, zum Teil im Original verloren gegangenen Werken
des ZOSIMOS, zumeist jedoch allerdings stark durchsetzt mit
späteren Einschiebseln und Zutaten[999].
Alle „Künste“, so berichtet ZOSIMOS, waren ursprünglich
tiefstes, durch furchtbare Eide gehütetes Geheimnis der ägyptischen
Priester, und wie diese sie aus Neid, Habsucht und Aberglauben vor
jedermann zu verbergen streben, das habe er am eigenen Leibe erfahren
müssen[1000]. Aus den besagten Gründen wurden daher ehemals die
wichtigsten Geheimnisse überhaupt nicht aufgeschrieben, sondern den
Vertrauenswürdigen seitens der Priester nur mündlich mitgeteilt[1001];
zu ihnen zählte das schon vom Philosophen DEMOKRITOS
gepriesene „Färben“ der unedlen Metalle mittels Schwefel, Quecksilber,
Arsen, Kohol [Schwefelantimon] und Magnesia[1002], — das ganz
so erfolgt wie das Färben von Geweben mittels des „Indigos aus
Flechten“[1003] —, ferner das „Färben“ mittels passend zubereiteter
Firnisse[1004], sodann die Herstellung des „weißen und gelben Kupfers“
[d. I. Des Silbers und Goldes oder der Bronce und des Messings][1005],
und endlich die Bereitung der Pigmente für die Kultbilder: die Maler
verwenden diese in den künstlichsten Mischungen, — sogar Silber und
Gold setzen sie hinzu, um den Fleischton der Weiber zu treffen —, so
daß ihre Bildnisse wie lebendig aussehen, und tatsächlich hielt das
Volk die Bilder und Statuen der Götter für lebend und wagte kaum sie
anzublicken, und nur wenige hatten den Mut zu denken oder gar insgeheim
zu sagen, sie seien von Menschenhand gebildet und zurechtgemacht[1006].
In späterer Zeit schrieben die Priester zwar ihre Lehren nieder, fuhren
aber fort sie im Verborgenen zu halten, schon weil sie behaupteten, daß
dies sehr zweckmäßig sei, um die neidischen Dämonen zu täuschen[1007].
Seither besitzen sie ausführliche Bücher der Kimija oder Kumia,
verfaßt nach den Vorschriften des HEPHAISTION (d. I.
HEPHAISTOS = PTAH)[1008],
AGATHODAIMON[1009]
usf., durch HERMES und andere ägyptische Autoren; deren
Abschriften lassen sie in den Tempeln vorlesen, befehlen sie genau
zu befolgen, tadeln jene, die eigene Rezepte erfunden haben wollen
und fordern strengste Wahrung des Geheimnisses[1010]. Indem sich
ZOSIMOS an seine Schwester (?) THEOSEBEIA wendet,
— der er seine Schriften zueignete, und die er in ihnen sehr oft
unmittelbar anredet, zuweilen auch als „Königin“[1011] —, fährt er
fort: Du aber, der es bekannt ist, daß nach PETESIS das große
Werk durch Nachdenken vollendet wird, hältst Deine Schüler abseits, Du
unterweisest sie öffentlich, ungebunden durch gegenseitige Eide; jedoch
das „Buch“, so sagst Du, [das angeblich von HERMES verfaßte
„Buch der Kimija“] kann nur geheim erworben werden; aber im Gegenteil,
es sollte ein jeder, ohne alle Geheimnisse, auch ein Buch der Kimija
(Kumia) besitzen[1012], denn „nur aus den rechten Büchern, nämlich aus
jenen alten und aus den von mir verfaßten, schöpft und gewinnt
man die Wahrheit“[1013]. Diese richtig aufzufassen und durch sie zum
Gelingen des Werkes geführt zu werden, ist freilich eine besondere
Gnade, die von oben kommt und nur dem Würdigen zuteil wird[1014];
würdig aber erweist sich, wer ein edles Herz und lautere Sitten hat,
ferner Geduld und Aufmerksamkeit, geistigen Fleiß des Studierens
und Nachdenkens, körperlichen Fleiß des Arbeitens und Versuchens,
sowie reine Liebe zur Sache. Wer diese Vorbedingungen erfüllt, für
den ist, — so lehrte schon PETESIS, und ihm nachfolgend
PLATON, — das große Werk nichts weiter als „die Arbeit eines
Kindes“[1015]. Viele Unberufene, die die Ausführung der heiligen Kunst
sahen, mußten mit Verwunderung deren Geringfügigkeit zugestehen; sie
verbrauchten dann alles Quecksilber Phrygiens und Spaniens, starben
aber ohne das Rechte gefunden oder auch nur begriffen zu haben,
verblendet durch das Antlitz der beiden Menschensöhne [vermutlich des
Silbers und Goldes][1016].
Die „Imuth“ genannte und „der Priesterin und Königin
THEOSEBEIA“ gewidmete Hauptschrift des Zosimos enthielt
nach den syrischen Manuskripten „die genaue Schilderung des großen
Werkes gemäß allen Büchern über Chemie“[1017], geschöpft aus den
Abhandlungen aller Vorgänger, u. A. Aus denen des PLATON
und ARISTOTELES; PLATON gab schon ein Rezept zur
Darstellung des Silbers an, und zwar befahl er, ein Gemisch von Pyrit,
Oker, Sory und Vitriol (χαλκητάριν) drei Tage im selbstziehenden Ofen
zu schmelzen und sodann das Elixir zuzusetzen[1018]; Großes hat auch
ARISTOTELES vollbracht, dieser glänzendste irdische Geist,
aber weil ihm der rechte Glauben fehlte, blieb es ihm versagt, seitens
der richtigen Engel Belehrung zu erhalten und deshalb gelang es ihm
auch nicht, sich der himmlischen Sphären würdig zu machen und sich in
sie zu erheben[1019].
Gold ist nach ZOSIMOS das Edelste der Metalle, das
alle anderen an Schwere, Glanz und Unzerstörbarkeit übertrifft, aber
auch an der Fähigkeit weitgehendster Verteilung zu zartestem Staub,
χρυσοάνθινον (Goldblütchen)[1020], und zu dünnsten Blättchen, die man
u. A. Mit arabischem Gummi oder Fischleim auf Elfenbein und auf das
Pergament der Bücher aufklebt[1021]; zum Vergolden der Götterbilder
und Königsstatuen in den Tempeln benützt man eine Lösung von Gold in
Quecksilber, „Sonnenwasser“, „verdichtete Sonnenstrahlen“, „gelöster
Schwefel“ genannt, doch ist dies ein großes Geheimnis und der Erfolg
gilt für übernatürlich[1022]. Nicht selten ersetzt man übrigens Gold
durch den billigeren Oker, durch Zinnober, Minium u. Dgl. [1023].
Silber verarbeitet man zu vielen Geräten, besonders auch zu
Spiegeln; im Rohgusse sehen sie noch rauh und häßlich aus, nach dem
Polieren aber, zu dem Öl und Bimsstein, Wolle, Leinen und zuletzt
mit Lorbeerholz-Kohle gefüllte Leinensäckchen dienen, werden sie gar
herrlich und glänzen gleich Perlen[1024]. Zur Diplosis des Silbers
benützt man Blei, Quecksilber, Kupfer und das „Orichalkon“ genannte
Kupfer[1025]; die ägyptischen Priester bewirkten sie durch Weißen
des Kupfers mittels Arsen oder durch Behandeln und Überziehen des
Metalls mit passenden Firnissen[1026]. Das „ägyptische Silber“, auch
Asem genannt, stellt man nach verschiedenen Rezepten dar, indem
man Kupfer mit Arsen, Pyrit, Bleiweiß und ähnlichen Materialien
zusammenschmilzt, womöglich unter Zufügung von ein wenig echtem
Silber[1027].
Das Elektron, das eine Legierung von Silber und Gold ist, erfand
ALEXANDER DER GROSSE, und ließ daraus Amulette anfertigen,
die man als Schutz gegen den Blitz bei sich trägt oder auch in das
Erdreich eingräbt, ferner auch einen zauberischen, beim Beschauer
Selbsterkenntnis erweckenden und ihn vor allen Übeln schützenden
Spiegel, den nachher die Priester des „Tempels der sieben Pforten“
aufbewahrten. Aber nach dem echten „Buch der sieben Himmel“, das
spätere Kommentatoren abänderten und entstellten, bereitete schon
der König SALOMON[1028], den die Ägypter fälschlich auch
als Verfasser des genannten Buches ausgeben, das wahre Elektron,
fertigte daraus sieben, den sieben Planeten entsprechende Flaschen an,
sperrte die Dämonen in sie und beschrieb sie hierauf von außen mit
Zauberformeln; diese Talismane wirken gegen Dämonen ebenso kräftig wie
Gebete oder wie die neun Buchstaben König SALOMONS [die den
wahren Namen Gottes wiedergeben]. Auch zum heiligen Werke gehören neun
Bestandteile, über die alles Nähere in den jüdischen Schriften zu lesen
steht; desgleichen ist die Kenntnis von den Einflüssen der Gestirne
auf die Anfertigung des philosophischen Steines in den „heiligen und
göttlichen Vorschriften“ enthalten[1029].
Kupfer findet sich in Cypern[1030],
in Ägypten[1031], in
Nicäa[1032] und in Spanien[1033]. Aus ihm bereiten „geschickte Leute“
das „gelbe oder persische, völlig dem natürlichen Gold gleichende“,
sowie das „helle und lichte“ Kupfer [d. I. Messing und Bronce], und der
erste Erfinder dieser „Farben“ soll der Erzgießer PABAPNIDOS
gewesen sein, der Sohn des SITOS, der Fälscher und Betrüger.
„Wie herrlich, großartig und bewunderungswürdig sind doch die
Entdeckungen solcher Künste[1034]! “
Zinn wird im fernen Westen gewonnen, woselbst eine Quelle aus
der Erde aufsteigt und zuweilen über ihren Rand hinausstürzen will;
wenn dies geschieht, stellen die Einwohner „ihm“ (ihrem Dämon, einem
furchtbar giftigen Drachen?) ein schönes nacktes Mädchen hin, die,
sobald er auf sie zueilt, um sich ihrer zu bemächtigen, hinweglaufen
muß; sowie er ihr gefolgt ist, stürzen eine Anzahl mit Hacken
bewaffneter junger Leute aus ihren Verstecken und töten ihn; im Sterben
nimmt er die Form eines Gußstückes an, indem er sich fixiert und hart
wird, und darauf zerschlagen die Leute seinen Leichnam und benützen die
Stücke, die eben das Zinn sind[1035].
Eisen ist schwer zu bearbeiten, und manche Kunstgriffe gelingen
überhaupt nicht „ohne göttliche Hilfe“ [d. H. Vermutlich: ohne Hersagen
von Zaubersprüchen][1036].
Blei ist seiner Natur nach weich, läßt sich aber durch Zusatz von
Kupfer, Sandarach und „Krapp“ (Deckname!) derart härten, daß es dem
Metalle der Denare gleicht[1037]. Anderen Behandlungen [deren Zweck
nicht angegeben ist] unterwirft man es durch Schmelzen mit Minium aus
Amida, cyprischem und ägyptischem Oker, cyprischem Vitriol, ägyptischem
Alaun und phrygischem Stein [Pyrit?] im „Ofen der Glasmacher“ gemäß
der Vorschrift des HEPHAISTION (= HEPHAISTOS,
PTAH)[1038]; auch hat man Mittel [Firnisse?], um Gefäße
aus Blei oder Zinn so aussehen zu machen, als beständen sie aus Erz
(Bronce)[1039].
Quecksilber findet sich als Hydrargyros, „silbernes Wasser“,
in Phrygien und Spanien und ist flüssig, von großer Kälte und bei
innerlicher oder äußerlicher Einwirkung ein furchtbares Gift[1040];
aus Zinnober wird es frei gemacht, indem man es nebst Blei oder Zinn
in einem Mörser verreibt, am besten in einem aus Eisen oder Basalt
[βάστνις; auf ägyptischen Ursprung deutend][1041]; das aus Zinnober
oder Sandarach Sublimierende (ἀναβιβάζων = nach oben Steigende) ist
gleichfalls Quecksilber [bzw. Arsen][1042]. Wie alles Reine in allen
Künsten gefälscht wird, z. B. Weine, Öle und Drogen durch habgierige
Kaufleute, ja die Philosophie durch unerfahrene Schwätzer, so geschieht
es auch mit dem Quecksilber, denn die Fälscher sind überall zahllos
und verstehen das Gefälschte dem Echten genau gleich zu machen; das
Quecksilber fälschen sie, unter Benützung chemischer Schriften, durch
Diplosis [Auflösung von Blei, Zinn,…?] u. Dgl., und während sie
als Einkäufer die ihnen bekannten vielen Proben der Reinheit
anwenden, schwören sie als Verkäufer auf ihren Kopf, sie hätten
von derlei Proben noch nie etwas gehört[1043]. — ZOSIMOS
beschrieb Gewinnung und Benützung des Quecksilbers besonders genau, und
zwar in einem Werk, das er „Buch der Schlüssel“ nannte; denn so wie im
„Mysterium der neun Buchstaben König SALOMONS“ der Schlüssel
alles Sichtbaren und der ganzen Welt steckt, so enthalten auch die
verschiedenen Arten des Quecksilbers [das wahre und das metallische
Arsen] den Schlüssel der großen Kunst, da alles Flüchtige zu den
Schwefeln gehört, die Schwefel aber, wie schon MARIA richtig
lehrte, das eigentlich Färbende sind[1044].
Ein in den syrischen Manuskripten enthaltener und aus diesen
von BERTHELOT ausgewählter „Pharmazeutischer Traktat“,
den ZOSIMOS gleichfalls der Priesterin und Königin
THEOSEBEIA gewidmet haben soll[1045], betrifft hauptsächlich
die medizinische Anwendung der „nützlichen Stoffe“ und erweist sich
für jeden Kenner des DIOSKURIDES und GALENOS als
bloße Kompilation aus deren Schriften, — was BERTHELOT
später auch selbst zugestand[1046]. Dem GALENOS folgend
beschreibt der Verfasser die wiederholten Reisen nach Cypern, Syrien,
den griechischen Inseln, Thrazien, Mazedonien und Italien, auf denen
er vielerlei Berg- und Hüttenwerke besuchte; der Leiter (ἐπίτροπος)
der cyprischen Unternehmungen erklärte ihm die Bildung des „Diphryges“
genannten Rückstandes in den Kupfer- und Kadmia-Öfen, sowie die
Entstehung des Spodós (σποδός, σπόδιον) und des Pómpholyx [d. I. Des
unreinen schwarzen und des reinen weißen Zinkoxydes][1047], auch
zeigte er ihm in den Gruben die übereinander liegenden Schichten der
Substanzen Sory, Chalketárin, und Misy oder schwarzen Vitriol, die
alle sehr nahe verwandt sind und allmählich ineinander übergehen,
was sowohl in den Gruben geschah, als auch beim Aufbewahren der
mitgenommenen Vorräte[1048]. Von sonstigen Heilstoffen gedenkt er noch
der kimolischen und samischen Erde[1049], der lemnischen Siegelerde [=
terra sigillata], die eine Priesterin unter Geboten aus dem roten Ton
formte und stempelte, — jedoch ohne Beigabe des ehemals gebräuchlichen
Ziegen- oder Bocksblutes[1050] —, des Asphaltes und Bitumens aus
Palästina[1051], sowie des „gelben Sandes“ [Auripigments] vom Berge
Bagavana nächst der Stadt Agrata in Armenien, armenisch Zarnika oder
Zarnia geheißen[1052].
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