Ch. 29: b) Stephanos von Alexandria.
b) Stephanos von Alexandria. ****
STEPHANOS VON ALEXANDRIA war, wie USENER 1880 nachwies[1165], zur Zeit des byzantinischen Kaisers HERAKLEIOS (HERAKLIUS), der 610 bis 641 regierte, einer der „ökumenischen“, d. H. Der im kaiserlichen Palaste tätigen Meister, und zwar „las“ er, obwohl anscheinend Mathematiker von Beruf, über Philosophie, — ein Kommentar zu ARISTOTELES ist noch erhalten —, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik, angeblich auch über Astrologie, Chemie usf. [1166]. Seine in mehreren Handschriften überlieferten chemischen Vorträge veröffentlichte zuerst PIZZIMENTI in lateinischer (unzuverlässiger) Paraphrase als Nr. 4 seines wiederholt genannten Werkes von 1573; das griechische Original druckte IDELER 1841 in den „Physici et medici graeci minores“ ab[1167], anscheinend ohne genügende Sichtung der Handschriften und auch ohne Beigabe der in Aussicht gestellten Lesarten und Erklärungen.
USENER ist der Ansicht, daß STEPHANOS die Vorlesungen über Astrologie und Chemie nicht wirklich gehalten haben könne; betreff der Astrologie[1168] widerstreiten der üblichen Angabe einige seiner eigenen Äußerungen, und die Chemie, deren Ausübung Kaiser DIOKLETIAN in Ägypten untersagt und durch Verbrennung der Schriften chemischen Inhaltes unmöglich gemacht hatte[1169], die daher seitdem als „verbotene Kunst“ galt, durfte er im kaiserlichen Palaste zu Konstantinopel nicht wohl lehren. Auch der Inhalt dieser Vorlesungen scheint USENER dagegen zu sprechen, daß ein Mathematiker von Fach sie geschrieben habe, und er neigt daher dazu, sie (und auch einige andere Fragmente) als Pseudepigraphen aus späterer Zeit (etwa um 775) zu betrachten[1170]. So beachtenswert diese Ansicht auch ist, so scheint sie doch noch weiterer Vertiefung zu bedürfen, da das Vorhandensein von Widersprüchen bei Kompilatoren von der Art des STEPHANOS keineswegs vereinzelt dasteht, das Eingreifen des DIOKLETIAN aber wohl kein gerade der Chemie so feindliches gewesen ist (s. Weiter unten), und überdies seither auch mehrere Jahrhunderte vergangen waren; zudem soll gerade der Kaiser HERAKLIUS von besonderer Vorliebe für alle Geheimwissenschaften erfüllt gewesen sein[1171].
Das Buch des STEPHANOS, das sich bei den späteren Alchemisten ganz besonderer Wertschätzung erfreute und auch im arabischen „Fihrist“ gepriesen wird, vermag indessen solchen hohen Ruf in keiner Weise zu rechtfertigen[1172]. Seine neun, stets „σὺν θεῷ“ („mit Gott“) überschriebenen Abschnitte oder πράξεις (Práxeis = Vorlesungen, Traktate, Handlungen), — dieses Wort bezeichnet in den magischen Schriften und Papyrus-Urkunden namentlich auch die Zauber-Handlungen[1173] —, mag man aufschlagen wo man will, man wird allerorten das Nämliche vorfinden: unklare und weitschweifige Paraphrasen der „Alten“, die den Mangel jeglicher eigener Sachkenntnis und praktischen Erfahrung bezeugen; kritikloses Aufzählen und Rühmen der Autoritäten, ihrer Axiome und ihrer Präparate; schwülstige und scholastische Darlegungen unverstandener oder halbverstandener Theorien; wirre mathematische und astrologische Anspielungen, — dies alles im Gewande hohler, unbestimmter, oft jedes faßbaren Inhaltes entbehrender Redensarten und dabei untermischt mit mystischen, enthusiastischen und religiösen Anrufungen, Ausrufungen und Deklamationen. Das ganze Werk, — USENER[1174] bezeichnet es als Homilie voll geheuchelten, Heidnisches, Mystisches und Christliches vermengenden „sacri furoris“ —, bietet ein trauriges Beispiel des letzten und völligen Verfalles einer Wissenschaft unter den Händen der vielschreibenden byzantinischen Buchgelehrten und Kommentatoren; es ist geradezu eine Satire auf das hübsche von STEPHANOS irgend einem Vorgänger entlehnte Zitat[1175]: „Die Wissenschaft vermag alles; sie sieht das Unsichtbare und vollbringt das Unmögliche. “
Genauer auf den Inhalt des Buches einzugehen, — von dem BERTHELOT übrigens keinen Abdruck, sondern nur einen Auszug gegeben hat[1176] —, lohnt dem Vorstehenden zufolge nicht, es wird vielmehr genügen, auf einige Hauptpunkte kurz hinzuweisen.
Die alten Chemiker, zu denen u. A. Auch PLATON und ARISTOTELES zählen, stellten treffliche Grundsätze auf, wie „ἄνω καὶ κάτω“ (nach oben und nach unten) und „Eines ist Alles, Alles ist Eines“[1177], erdachten vorzügliche Vergleiche, wie den des großen Werkes mit der Schlange UROBOROS und den des menschlichen Kopfes mit einem Destillierhelm[1178], und fanden die Bedingungen auf, unter denen das große Werk gerät und Gold liefert, das besser und schöner ist als das natürliche[1179]. Als Ausgangsmaterial benützten sie entweder Kupfer, das wie ein Mensch Körper, Seele und Geist hat[1180], oder eine Legierung von vier Körpern (= Metallen), die Magnesia[1181]. Zur Einleitung der Umwandlung, die auf einem Herauskehren des Inneren beruht, verbrennt man die Rohstoffe erst zu Asche und betrachtet das gute Gelingen dieser Arbeit als günstiges Vorzeichen für das der gesamten[1182]; es folgt die Schwärzung, „diese großartige und bewunderungswürdige Sepsis [hier = Digestion, Maceration] der ISIS“, sodann die Weißung, die sich langsam vollzieht wie das Bleichen von Geweben, und schließlich die Gilbung[1183]. Diese Operationen erfordern die Anwendung von Medizinen und Tinkturen[1184], u. A. Des Schwefels, des göttlichen Wassers, des Quecksilbers, das flüssig und heiß wie Blut ist, sowie des anderen Quecksilbers, das man aus dem „Männlichen“ (Arsenikon) gewinnt, und dessen Name die Lösung vom Rätsel der neun Buchstaben verbirgt[1185]. Wichtiger und mächtiger als diese alle ist aber der zauberkräftige Stein [βοτάνη, Botáne, ursprünglich nur Zauberkraut], den unser Land Äthiopien hervorbringt[1186], der „Stein der Weisen“, „Stein der Philosophen“, der auch etesischer Stein heißt, der geheim und allbekannt, gemein und kostbar ist, und vermöge astrologischer Einflüsse der zwölf Zeichen des Tierkreises aus den Naturen und Farben der sieben Planeten hervorgeht[1187]. Er vollzieht aber das große Werk, indem er das Männliche mit dem Weiblichen vereinigt, also das Aktive mit dem Passiven, das Heiße mit dem Kalten, das Rote mit dem Weißen, HERMES mit der APHRODITE: „kämpfe Kupfer! Kämpfe Quecksilber! “ In Freuden gesellen sich Männliches und Weibliches, denn die Natur erfreut sich an der Natur, es erfolgt Zeugung, und das Gezeugte reift binnen 40 Tagen zu Gold[1188].