Ch. 28: a) Philosophus Christianus.
a) Philosophus Christianus. ****
Der umfangreiche, aus vielen oft kaum zusammenhängenden Absätzen bestehende „Kommentar“ des nicht näher bekannten PHILOSOPHUS CHRISTIANUS, nach BERTHELOT[1155] im 6. Jahrhundert abgefaßt, nach KOPP[1156] vielleicht erst im 7., oder einem noch späteren, geht zum großen Teile auf gute alte Quellen oder aus diesen kompilierte Schriften des 5. Und 6. Jahrhunderts zurück; so wie er gegenwärtig vorliegt, weist er aber eine Unzahl späterer und ganz später (in einzelnen Fällen erst dem 13., ja 14. Jahrhundert entstammender) Erklärungen und Zusätze, Abänderungen und Einschiebsel auf, deren zweifelhafter Sinn und unklarer Inhalt sein Verständnis in hohem Grade erschwert, oder auch ganz unmöglich macht.
Der Verfasser, der diese Dunkelheit wohl selbst bemerkte, entschuldigt sie damit, daß schon die Schriften der Alten sehr schwierig zu deuten und infolge der Symbolik von Namen und Vorschriften rätselhaft seien[1157]; auch hätten die „ägyptischen Philosophen“ manche der Anweisungen entweder selbst nicht recht gekannt, oder sie aus Neid und Eifersucht geheimgehalten, oder endlich sie wenigstens hinter doppelsinnigen Bezeichnungen versteckt, wie „göttliches Wasser“ und „Arsenikon“[1158], über die erst PETESIS (PETASIOS) mit einer gewissen, freilich nicht völligen Offenheit sprach und zugleich die Mengenverhältnisse bei ihrer Bereitung und Anwendung erörterte[1159].
Auf die wichtigeren Zitate des PHILOSOPHUS CHRISTIANUS aus den „Alten“, den früheren Chemikern, ist schon weiter oben bei deren Besprechung jedesmal hingewiesen worden; aus Eigenem gibt er so gut wie nichts, weshalb es an dieser Stelle genügen mag, seine Äußerungen über die Transmutation als Beispiel anzuführen.
Beim Werke, das sowohl vielerlei Apparate erfordert, u. A. Solche aus Glas von Askalon, als auch vielerlei Zutaten, u. A. κόμμι und κολοφωνία [Gummi und Kolophonium, das nach der Stadt Kolophon in Kleinasien benannte Harz; Decknamen][1160], erhält man zunächst einen schwarzen und unbelebten Niederschlag, μελάνθιον (Melánthion = schwarze Blüte, Efflorescenz), der ohne Seele und Geist tot daliegt (νεκρός), und dem man neues Leben (βίος) zuführen muß, damit er zur ἀργυρο- oder χρυσοζύμη (zur Silber- oder Gold-Hefe)[1161] werde; wie die Färber mit [ἄγχουσα (Anchusa) und φῦκος (Fucus)[1162], wie die Indigofärber (ἰνδικοβάφοι) mit ihrem „Lack“ (λαχά), den sie zu einer klaren und entfärbten Flüssigkeit aufzulösen wissen[1163], so färben die Philosophen mit Xerion, dessen Name abgeleitet ist vom Namen der analogen trockenen Pulver der Ärzte (ξήρια ιατρικά), und das, als eigentlich wirksame Medizin beim großen Werke, zugleich auch die große Krankheit der Armut zu heilen vermag[1164].