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Ch. 12: b) Agathodaimon.

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b) Agathodaimon. ****

Von AGATHODAIMON (= guter Geist) berichten die späteren Alchemisten, z. B. OLYMPIODOROS⁠[670], er sei ein alter ägyptischer Philosoph und noch älterer Herrscher und Gott gewesen; als Philosoph wird er oft zusammen mit HERMES genannt oder diesem auch gleichgesetzt, als dritter König aus der göttlichen Urdynastie Ägyptens bei MANETHO aufgeführt⁠[671], als Gott aber mit THOT oder mit CHNUM (Chnub, Chnubis, Chnuphis) identifiziert, mit letzterem namentlich in seiner Richtung als ärztlicher Gott: sein Emblem ist die sich häutende, und dadurch angeblich die Krankheit abstreifende, neue Gesundheit und neues Leben gewinnende Schlange. Die Schlange, die sich selbst in den Schwanz beißt oder den eigenen Schwanz verschlingt und in dieser Form das alte hieroglyphische Zeichen für „Welt“ darstellt, ist in hellenistischer Zeit als οὐροβόρος (Urobóros) oder ὀφιοῦχος (Ophiúchos) auch das Wahrzeichen des AGATHODAIMON, „des guten Dämons von Ägypten“ und „Hausschutzgottes“⁠[672]; dies geht offenbar auf die nach ROHDE⁠[673] echt griechische Anschauung zurück, daß das Haus als seine Hüterin die zum „guten Geiste“ gewordene Seele des Hausvaters zu verehren habe, die, gleich allen chthonischen Wesen, in Gestalt einer Schlange, der auch als Agathodaimon bezeichneten „häuslichen Schlange“, zu erscheinen pflegt. Der Schlange dieses Namens brachte man in Alexandria jährlich besonders feierliche Opfer dar⁠[674], jedenfalls weil Alexandria in AGATHODAIMON seinen eigentlichen Stadtgott verehrte, — wie denn auch noch im 3. Jahrhundert ein Oberpriester AGATHODAIMON daselbst nachweisbar ist⁠[675]; der, dem Gotte AGATHODAIMON zugeordnete Stern ist nach hermetischen Schriften die Sonne⁠[676]. Wenn also, allem diesem und dem klaren Wortlaute seines Namens entgegen, AGATHODAIMON in ganz später Zeit nicht selten für einen neidischen und gefährlichen „Dämon“, seine Schlange aber für einen bösen und verderblichen „Drachen“ angesehen wird, so beruht dies sichtlich auf Mißverständnissen und Entstellungen, die zum Teil vermutlich dem Eindringen orientalischer Überlieferungen zuzuschreiben sind.

Daß AGATHODAIMON ein chemisches Werk (βίβλος χημευτική) verfaßt habe, berichtet OLYMPIODOROS⁠[677], und den syrischen Manuskripten nach erwähnt es schon ZOSIMOS als ein an den OSIRIS gerichtetes, oder ihm gewidmetes Buch⁠[678]. Mit den Worten „AGATHODAIMON begrüßt den OSIRIS“ beginnt auch die von AGATHODAIMON angeblich gemeinsam mit HERMES verfaßte „Erklärung eines Orakels des ORPHEUS“, zu der zu bemerken ist, daß nach hellenistischen, u. A. Bei DIODOR erhaltenen Berichten, die mythischen Dichter ORPHEUS und MUSAIOS nach Ägypten gekommen seien und dort die uralte Weisheit der Priester erlernt, diesen aber auch ihre eigene mitgeteilt haben sollen⁠[679]. Die „Erklärung“, die nur in Form einer dunklen, vielfach entstellten, an zahlreichen späteren Einschiebseln reichen Kompilation vorliegt⁠[680], behauptet auf Grund der „freilich sehr verwirrten und unklaren Schriften der Alten“, daß dem ORPHEUS göttliche Stimmen durch ein Orakel mitteilten, welcher Augenblick der günstigste für das große Werk sei, wie man die Projektion auszuführen habe, und wie sich dabei durch mystische Gebete und magische Beschwörungen die bösen Geister bannen und die ihrem Neide entspringenden Hindernisse überwinden ließen⁠[681]; daraufhin habe ORPHEUS auf Kupfer oder auf die „Knochen des Kupfers“, die aus Kupfer, Eisen, Zinn und Blei bestanden und deren unter dem Namen „persische Knochen“ auch ZOSIMOS gedenkt⁠[682], Arsen und Kadmia (καθμία, καθμίς) zur Einwirkung gebracht⁠[683], die Bestandteile 41 Tage lang maceriert, wobei sich ἐξανθήματα (Exantheme, Efflorescenzen) bildeten⁠[684], und sie so schließlich geweißt und gegilbt.

Nach AGATHODAIMONS Lehre hat man die Schlange Urobóros, bei der „das Ende der Anfang, und der Anfang das Ende ist“, als Symbol des großen Werkes zu betrachten, da bei diesem ebenfalls die anfängliche Grundsubstanz oder Materia prima schließlich in die einzelnen Metalle übergeht, in diesen vorhanden ist, und auch wieder aus ihnen zurückgewonnen werden kann. Wie die Schlange, so ist auch das große Werk ein Symbol der Welt; als solches reiht sich Beiden das „philosophische Ei“ an⁠[685], das oft als synonym mit dem großen Werke gilt, oder als „Stein, der kein Stein ist“ das Verwandlungsmittel andeutet, eigentlich aber mit seinen vier „die unzähligsten Namen führenden Teilen“ [Schale, Eihaut, Eiweiß, Eigelb] das Ausgangsmaterial, die vier Metalle der Tetrasomie, bezeichnet⁠[686]. Dieses „unser Blei“ (μόλυβδος ἡμέτερος), diese schwarze Brühe oder Schmelze (μέλανα ζωμόν), hat man zu benützen⁠[687], zehn Tage im Dünger (ἐκ τῆς κόπρου) zu erwärmen und 21 Tage zu beizen⁠[688], sodann mit koptischem Stimmi (στίμη κοπτική)⁠[689], mit vom Schwefel befreitem Arsen „dieser Seele des Färbenden“⁠[690], und mit anderen Chemikalien zu behandeln und so zunächst in „unser Silber“ (ἄργυρον τὸν ἡμῶν) überzuführen⁠[691].

Wie als Erklärer des orphischen Orakels, wird AGATHODAIMON zusammen mit HERMES auch als Verfasser eines merkwürdigen Rätsels genannt, das spätere Autoren als „Rätsel vom philosophischen Steine“ anführen⁠[692] und das in wörtlicher Übersetzung aus dem Griechischen wie folgt lautet:

„Buchstaben zähle ich neun; viersilbig bin ich. Nun rate!

Merk’: von den ersten drei Silben hat zwei der Buchstaben jede,

Aber die vierte hat drei. Fünf Buchstaben sind Konsonanten.

Bilde die Summe der Zahlen: Du findest zweimal Achthundert,

Dreimal Dreißig dazu, nebst Sieben. Hast Du mein Wesen

Nunmehr erkannt, so hast Du auch teil an göttlicher Weisheit. “

Die älteste bisher bekannte Quelle dieses sog. Rätsels sind die „Sibyllinischen Weissagungen“, eine im Tone der Propheten und Orakelkünder gehaltene Sammlung sehr verschiedener, von vielerlei jüdischen und christlichen Verfassern herrührenden Erzählungen und Sentenzen, die wahrscheinlich zwischen 100 vor und 300 nach Chr. Niedergeschrieben wurde und ihre endgültige Form wohl erst gegen 300 erhalten hat. Im ersten Buche dieser „Weissagungen“⁠[693], das von einem Christen um 200 n. Chr. Verfaßt sein dürfte, befiehlt Gott dem NOAH, den sündigen Völkern noch einmal Buße zu predigen, und offenbart sich ihm als Herrscher der Welt, wobei er die oben angeführten Worte ausspricht. Daß sie also ursprünglich keinen alchemistischen Sinn haben konnten, ergibt sich aus diesem Sachverhalte ohne weiteres; viel eher scheinen sie auf einen der Geheimnamen Gottes hinzudeuten⁠[694], deren Kenntnis (nach altägyptischer Anschauung) dem Kundigen ungeheure Macht verleiht, wie denn z. B. Der weise König SALOMON „die neun Buchstaben des geheimen Namens des Herrn“ beherrscht und im „Mysterium der neun Buchstaben“ den „Schlüssel alles Sichtbaren“ besessen haben soll⁠[695]; welcher der zahlreichen Namen dieser Art gemeint sein mag, steht indessen nicht fest. Zu einem von alchemistischem Tiefsinne erfüllten „Rätsel“ machten die aus dem Zusammenhange gerissenen Verse erst spätere Schriftsteller, aus denen OLYMPIODOROS im 5. Und STEPHANOS im 7. Jahrhundert schöpften⁠[696]; sie schrieben sie, um ihnen die gehörige Autorität zu sichern, einem der hochberühmten „Alten“ zu, also dem AGATHODAIMON, dem HERMES, oder auch beiden zusammen. Eine Lösung des Rätsels aus hellenistischem Zeitalter ist nicht überliefert; vom 16. Jahrhundert ab gaben verschiedene Gelehrte als solche an: Lithargyros, Kinnabari, Kassiteros, Ampelitis, namentlich aber Arsenikon⁠[697]. Die Namen der ersteren, ihrer Natur nach sehr zweifelhaften Substanzen erfüllen jedoch die im Rätsel gestellten Bedingungen nur annähernd, und der sachlich noch ansprechendste, Arsenikon, ergibt seinem Zahlenwerte nach nicht die verlangte Summe 1697; allerdings führen einige Handschriften statt dieser Ziffer auch andere, bei einigem guten Willen ziemlich genügende Zahlen an, und manche lassen die letzten drei Verse ganz weg und beschränken sich auf die ersten, die derlei erschwerende Sonderbestimmungen nicht enthalten.

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