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Ch. 11: a) Hermes.

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a) Hermes. ****

HERMES, erst durch eine sehr späte Tradition ganz fälschlich als Babylonier angesprochen⁠[620], gilt den hellenistischen Schriftstellern fraglos als Ägypter und wird mit mehreren wichtigen altägyptischen Göttern identifiziert, u. A. Mit PTAH, CHNUM und THOT; die einschlägigen Erklärungen mögen, so weit sie zum Verständnisse unentbehrlich erscheinen, gleich an dieser Stelle gegeben werden.

Die Bedeutung des PTAH beruhte im alten ägyptischen Reiche (beginnend um 3000 v. Chr.) darauf, daß er der Gott der Reichshauptstadt Memphis war und als solcher Besitzer der ihr benachbarten mächtigen Steinbrüche, aus denen die Arbeiter seines Tempels unter Anleitung der Priester die zur Errichtung der Pyramiden und anderer großer Bauwerke bestimmten Steine brechen und zurechthauen; daher ist er „Gott der Künstler“, „Bildner und Gestalter“, und der Hohepriester seines Tempels führt den Titel „Großer Vorsteher der Steinkünstler“⁠[621]. Den Theologen gilt er alsbald nicht nur als „Bildner und Gestalter“ der Werksteine, sondern des ganzen Weltbaues; seine Macht läßt aus dem Chaos das Weltenei hervorgehen, mit dessen Bildung die Schöpfung beginnt⁠[622], seine Kunst formt die ersten Statuen der Götter und versieht sie mit Schmuck aus Blaustein (Lapis lazuli), Grünstein (Malachit) und Gold, und er ist der Gießer des goldenen Sonnenkäfers, des die Sonne über den Himmel vor sich herwälzenden Skarabäus⁠[623]. Daraufhin heißt sein Haupttempel in Memphis auch die „Goldschmelze“ oder „Goldschmiede“, er selbst „Herr der Goldschmelze“, „Herr der Künste“, „Herr der Künstler“; diese letzteren aber sind seine Priester, von denen Einer auch als „Meister der Kunst“, und der Hohepriester als „Oberster der Künstler“ angeführt wird⁠[624]. Als „von Dem, der wissend ist um die Geheimnisse der Goldschmiede“ spricht von diesem auch noch die hellenistische Zeit⁠[625], die den PTAH dem HEPHAISTOS gleichsetzt, ihn zu einem zaubermächtigen Wundertäter, Magier und Arzt macht, und als einen solchen auch den zum „Sohne des PTAH“ erhobenen IMHOTEP ansieht, der in Wahrheit im alten Reiche Oberleiter des Pyramidenbaues unter dem Könige ZOSER war⁠[626].

Den widderköpfigen CHNUM von Elephantine, den „Herrn des Kataraktenlandes“ und Gott der Zeugung und Fruchtbarkeit, in späterer Aussprache CHNUB oder CHNUBIS, betrachtete man ursprünglich u. A. Ebenfalls als Schmied, als Erfinder der Töpferscheibe (auf der er das Weltenei rund dreht), als Künstler und als Baumeister, später aber als Weltenbaumeister, Demiurgen, und Herrn des künstlerischen Geistes sowie des Geistes überhaupt, daher auch des Lufthauches und Pneumas⁠[627].

THOT, der Ibisköpfige, der Gott der Stadt Chnumu, gilt dem alten ägyptischen Reiche in seiner Eigenschaft als Mondgott für den Urheber von Zeitrechnung, Maß, Ordnung und Recht, für den Erfinder der Sprache, des Zeichnens, des Malens und der Schrift, für den Schöpfer aller Wissenschaft und Kultur, sowie für den Heilkundigen, der die Wunden der Götter durch seinen Speichel zu schließen versteht⁠[628]. Einer späteren Zeit ist er der „Herr der Sprache und der Schrift, der Schreiber und der Tinte“, der Stifter von Ordnung und Recht am Himmel und auf Erden, der Erfinder der Amulette und Zaubersprüche, die einerseits Heil und Gesundheit bringen, andererseits die Einflüsse der bösen Geister abwehren⁠[629]; daher rühmt ein um 1700 v. Chr. Verfaßtes ägyptisches Märchen dem Helden nach „er kennt die Zahl der Bücherkisten der Weisheit und der Zaubersprüche im Heiligtums des THOT,… Der steinernen Kisten im Tempel zu Heliopolis“, und ein anderes preist, um 1350 v. Chr., „das Buch der Zaubersprüche, von THOT, dem Gotte der Weisheit, selbst geschrieben“⁠[630]. In noch jüngerer Zeit wird dann THOT zum Astronomen, Astrologen, Magier, Bereiter von wunderwirkenden Heilmitteln, usf.; seine Lehren stehen anfangs nur auf steinernen Tafeln, Säulen und Wänden der Heiligtümer, „an geheimen und verborgenen Stellen“, — so noch zum Teil im spätptolemäischen Tempel zu Edfu, wo er auch „Kenner aller Geheimnisse der Tempelküche“ genannt wird, d. H. Der Rezepte zur Herstellung der Räuchermittel, Heilsalben u. Dgl. —, weiterhin aber auch auf Leder oder Papyrus, und bilden so die „heiligen Bücher“ oder „heiligen Schriften“⁠[631]. Die hellenistische Aera identifizierte THOT völlig mit HERMES, wozu u. A. Auch besonders beitrug, daß ersterer beim großen Totengericht die Herzen wägt und hiernach die Geschicke der Seelen bestimmt, HERMES aber ebenfalls die Seelen zur Unterwelt geleitet, und einen Schlüssel führt⁠[632]; auf ihn übertrug sie daher auch die Autorschaft der gesamten priesterlichen, dem THOT zugeschriebenen, nach ägyptischem Herkommen durchaus anonymen Literatur, und so ist es zu erklären, daß die Zahl der von HERMES verfaßten Werke seitens MANETHOS (um 280 v. Chr.) auf 36525, seitens IAMBLICHOS (im 3. Jahrhundert n. Chr.) auf 20000 beziffert wird, und daß ein bloßer Auszug, von dem anscheinend der um 220 n. Chr. Gestorbene CLEMENS ALEXANDRINUS berichtet, 42 Bände oder Bücher umfaßte⁠[633]. Es steht dahin, ob mit diesen 42 „hermetischen Büchern“ jene etwas gemein haben, die als „hermetische Schriften“ oder „Weisheit des HERMES“ auf uns gekommen sind, sich mit ihrem nicht alchemistischen, sondern zumeist mystisch-schwärmerischen und -religiösen, oder naturwissenschaftlich-abergläubischen Inhalte als Offenbarungen des HERMES-THOT geben und nur mit größter Vorsicht zu Rückschlüssen irgendwelcher Art herangezogen werden dürfen⁠[634]; fast erscheint es unglaublich, daß sie bis tief in das 17. Jahrhundert hinein für echt und geradezu uralt-ägyptisch gehalten und erst durch den berühmten Streit CONRINGS (in Helmstaedt) gegen BORRICHIUS (in Kopenhagen), 1648 mit dem Buche über die hermetische Medizin einsetzend, als in später Zeit untergeschoben erwiesen wurden⁠[635].

Jedenfalls sieht die hellenistische Zeit schließlich in HERMES die Personifikation des Wissens, der Wissenschaft, des in allen Künsten, namentlich aber in allen Geheimkünsten, erfahrenen und schöpferischen Geistes, den Hüter und Bewahrer aller alten Erbweisheit (daher sie ihn auch mit ADAM, HENOCH, ABRAHAM, MOSES, JOSEF usf. Gleichsetzt)⁠[636], den Verfasser und Schreiber unübertroffen tiefsinniger und an Zahl endloser Werke, den „aller himmlischen Zeichen und Einflüsse“ kundigen Astrologen, Arzt, und Magier, sowie den Mann, „in dem sich Anfang und Ende der göttlichen Kunst vereint“, den Meister „der heiligen und hermetischen Kunst“, den ersten Alchemisten⁠[637].


Nach den, durch die syrischen Manuskripte bewahrten Berichten des ZOSIMOS schrieb HERMES als erster die zum Teil durch Dämonen übermittelten Traditionen der Alchemie nieder, und zwar in einem umfangreichen Werke, das aber auch viele andere, χειρόκμητα (Handfertigkeiten, Handgriffe) genannte „Künste“ behandelte⁠[638]. Es zählte 24 Bücher, bezeichnet nach den Buchstaben des griechischen Alphabetes und benannt mit besonderen Namen, z. B. Imos, Imuth, Gesicht, Schlüssel (κλείς)⁠[639], Siegel (Gesiegeltes), Encheirídion (Handbuch), Epoche usf., und in diesen wurden sämtliche „Künste“ durch „Tausende von Worten“ genau erklärt, so auch die Umwandlung von

Blei

Zinn

Eisen

in

Kupfer

Silber,

Gold

aber auch von Blei in Zinn, Kupfer in Eisen, usf., kurz von allem der Reihe nach, von oben nach unten und von unten nach oben; erst spätere Erklärer, „die ohnehin auch allein die Verwandlung des Silbers in Gold erwähnten“, „verdarben und verdunkelten diese Bücher und machten aus ihnen Mysterien“. — HERMES selbst schrieb sein Werk auf „Tafeln“, die aber verloren gingen oder verborgen blieben, so daß erst der ägyptische König NECHEPSO sie wieder auffand; die Götter, deren Beistand er in endlosen Gebeten anrief, begnadeten ihn schließlich mit ihrem Verständnisse⁠[640], — doch ist weder überliefert, wodurch der (schon in früher ptolemäischer Zeit mythische) König veranlaßt wurde, ein solches überhaupt anzustreben, noch welche Früchte es ihm trug, nachdem er es errungen hatte.

Vermutlich auf diese „Tafeln“ hin, deren Andenken lebendig geblieben zu sein scheint, hat eine spätere Zeit dem HERMES auch die Abfassung zweier sehr berühmt gewordener anderer zugeschrieben, der „Tafel von Memphis“ und der „Tabula smaragdina“. Die „memphitische Tafel“⁠[641] soll sich u. A. An einem Felsen bei Memphis vorgefunden und in griechischer, sowie nach KIRCHERS Bericht von 1636 angeblich auch in koptischer Sprache, nachstehende Inschrift getragen haben: „Himmel oben, Himmel unten; Sterne oben, Sterne unten; Alles (πᾶν) ist oben, Alles ist unten; Nimm es hin, es bringe Dir Glück. “ Weiteres über sie ist nicht bekannt geworden, und die Behauptung, der angeführte Spruch sei altägyptischen Ursprunges, hat sich nicht bestätigt, was auch nach seinem auf Astrologie und Chemie (Sublimation, Destillation) anspielenden Inhalte nicht anders zu erwarten war. — Die, der Sage nach durch ALEXANDER DEN GROSSEN im Grabe des HERMES aufgefundene „Tabula smaragdina“⁠[642] war unter diesem Namen, sowie unter dem Nebentitel „De operatione solis“ (Vom Machen der Sonne, d. H. Des Goldes), im Abendlande schon gegen 1200 wohlbekannt und hochgeschätzt; der allein und nicht überall ganz gleichlautend übermittelte lateinische Text⁠[643] lautet in wörtlicher Übersetzung: „Es ist wahr, nicht gelogen, sicher und völlig gewiß. Was unten ist, gleicht dem was oben ist, und was oben ist, dem was unten ist, zwecks Durchschauung der Wunder des einen Dinges. So wie alle Dinge wurden aus Einem, durch Nachforschung darüber [oder: durch Einen, seiner Überlegung gemäß], so sind auch alle Dinge geboren aus diesem einen Dinge, vermöge der Anpassung (adaptatione). Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der Mond. Der Wind trug es in seinem Bauche. Seine Nährerin ist die Erde. Es ist der Vater aller Vollendung (telesmi) im Weltalle. Seine Kraft (virtus) steht auf ihrer Höhe, wenn es zu Erde gewandelt ist. Du scheide das Erdige vom Feurigen, die dunstartigen Teile von den dichten, gelinde, mit großer Kunst. Es [das Ding] steigt empor von der Erde zum Himmel, steigt wieder nieder zur Erde, und nimmt in sich auf die Kräfte der Oberen und der Unteren. So gewinnst Du das Rühmlichste (gloriam) der ganzen Welt. So wird alles Dunkel von Dir weichen. Dies ist die hohe Kraft in äußerster Stärke, da sie alle dunstartigen Teile besiegt und alle dichten durchdringt. So wurde die Welt geschaffen. So entstehen die wunderbaren Anpassungen (adaptationes), deren Art diese ist. Deshalb werde ich HERMES TRISMEGISTOS genannt, weil ich innehabe die drei Teile der Philosophie des Weltalles. Vollendet ist, was ich verkünde über die Herstellung der Sonne. “

Bei aller Absonderlichkeit enthält dieser Text nichts, was unverträglich wäre mit dem Geiste der Systeme einer Zeit, die unbedenklich auch die buntesten Elemente zu vereinigen pflegte, — und zwar weder was die Form, noch was den Inhalt anbelangt; letzterer betrifft sichtlich die Gewinnung des Goldes mittels des „zu Erde gewordenen“ großen Wunderdinges, d. I. Des Steines der Philosophen, der das „Dunkle“ weichen macht (d. H. Die richtige Färbung bewirkt), die Samen von Silber und Gold (Mond und Sonne, Weiblichem und Männlichem) in sich trägt und durch richtige „Anpassung“ die höchste „Vollendung“ herbeiführt, selbst aber wieder durch allerlei Sublimationen und Destillationen (ἄνω καὶ κάτω) und unter Mitwirkung des „Windes“ (Geistes, Pneumas) „geschaffen wird“ und als Inbegriff aller Elemente und Kräfte ein Analogon des Weltalls darstellt, ein ἓν καὶ πᾶν (Hen kai pan: Eines in Allem, Alles in Einem). In ganz ähnlichem Sinne, und in einem Wortlaute, der jenem der sog. Hermetischen Tafeln sehr nahekommt, heißt es auch in einem alten bei ZOSIMOS⁠[644] übermittelten Spruche: „Nach oben das Himmlische, nach unten das Irdische! Durch das Männliche und das Weibliche wird das Werk vollendet! “

Ein griechisches Original der „Tabula smaragdina“ ist nicht bekannt, und da die syrischen und arabischen Chemiker ihrer überhaupt keine Erwähnung tun⁠[645], so bestehen berechtigte Zweifel an ihrem vorgeblichen Alter; so alt wie der gesamte zugehörige Litteraturkreis könnte sie aber dem soeben Ausgeführten zufolge immerhin sein, und die Anführung des HERMES TRISMEGISTOS, sowie die Herübernahme des im Lateinischen ganz ungebräuchlichen Wortes telesmus (τελεσμός) lassen eine Übersetzung aus dem Griechischen mindestens als möglich erscheinen⁠[646]. — Älteren Forschern hat namentlich die Frage viel Kopfzerbrechen bereitet, ob es tatsächlich Smaragde gebe, deren Größe die Anfertigung einer Tafel von ausreichenden Abmessungen gestatte; indessen erledigt sich diese Schwierigkeit dadurch, daß mit dem mehrdeutigen Worte Smaragd keineswegs gerade unser Edelstein Smaragd gemeint zu sein braucht, und daß auch z. B. In den ärztlichen Schriften des CELSUS (zu Beginn der Kaiserzeit) „emplastrum smaragdinum“ nicht etwa ein Pflaster aus Smaragden bedeutet, sondern einfach ein grünes Pflaster⁠[647], — wonach es also freisteht, die Tabula smaragdina als Tafel aus grünem Glas, einem beliebigen grünen Gestein, oder einem sonstigen grünen Material aufzufassen!


Kaum besser, als über diese mythischen, auf Tafeln eingegrabenen Schriften des HERMES, sind wir über die dem Papyrus oder Pergament anvertrauten unterrichtet; wir kennen sie nur aus Anführungen und Zitaten, die sich u. A. Bei ZOSIMOS, SYNESIOS, OLYMPIODOROS und bei den noch späteren ersten syrischen und arabischen Chemikern finden (so bei dem schon mehrfach genannten AL-HABIB) und allenfalls ersehen lassen, welche Lehren man dem Manne zuschreiben zu sollen glaubte, den es galt, als Begründer (oder als einen der Begründer) der „hermetischen Kunst“ glaubhaft hinzustellen.

Das heilige oder große Werk muß begonnen werden in den ersten zehn Tagen des Monates Pharmuthi (März-April; das syrische Manuskript sagt im Nisân = April) und dauert sechs Monate⁠[648]; sein Ziel ist, „wie schon die Alten angaben“, die Umwandlung des „Kupfers“ in ἰόχαλκος (Ióchalkos, rotes Kupfer = Gold)⁠[649]. Die Grundsubstanzen (οὐσίαι, Usíai) des Silbers und Goldes sind schon enthalten im „Ei der Philosophen“ [der Mischung von Kupfer, Blei, Eisen, Zinn]⁠[650], in jener „Magnesia“ genannten Legierung⁠[651], auf die sich auch die Sprüche „Zwei wird Eins, Drei und Vier wird Eins, usf. “ beziehen⁠[652]. Die Operationen, die zur Umwandlung dieser Stoffe führen, beginnen mit dem Einwickeln und Einbinden in Leinen, der Tarichie (Einsalzung), sowie dem Kochen in „Meerwasser“⁠[653]; im weiteren Verlaufe müssen die Stoffe, — und dies ist eine der wichtigsten und daher sehr oft zitierten Vorschriften des HERMES —, ganz und völlig „verbrannt“ werden, „und wenn sie gänzlich zu Asche geworden sind, so ist dies das Anzeichen eines guten Gelingens“, „denn wer den Stoffen nicht ihren körperlichen Zustand nimmt und die unkörperlich Gewordenen wieder in Körper verwandelt, der kann das Ziel nicht erreichen“⁠[654]. Die völlige Austreibung der flüchtigen Bestandteile aus den einen Substanzen und ihre Wiedervereinigung mit den anderen, — denn hierum handelt es sich offenbar —, ist indessen nicht so leicht zu bewerkstelligen, denn nicht selten erhält man „unverbrennlichen Schwefel“, d. I. Nach HERMES jene Asche, zu der der Schwefel die Stoffe so verbrannte, daß sie noch einen Teil der „Geister“ in sich zurückhielten⁠[655].

Was unter „Schwefel“ verstanden werden soll, erscheint freilich keineswegs eindeutig bestimmt, denn AL-HABIB bezeugt z. B. Ausdrücklich, daß HERMES mit „Schwefel“ auch das Quecksilber aus dem Zinnober bezeichnet habe⁠[656]. HERMES unterscheidet dieses Quecksilber von dem, das „als weiße αἰθάλη (Aithále) der roten Kobathia die Magnesia weißt“⁠[657] [d. H. Vom Arsen], sagt jedoch, „Quecksilber ist zwar zweierlei, aber doch nur Eines“⁠[658]; „es ist Eines, besteht jedoch aus zwei Monaden“ heißt es auch vom ὔδωρ ἐν ἀβύσσω, dem „Wasser des Abyssos“ (Abgrundes), das aus den untersten Teilen der Gefäße geschöpft wurde und sehr wohl neben allerlei abgetropften Kondensaten auch das ohnehin oft nur mit dem Namen „Wasser“ bezeichnete Quecksilber enthalten haben kann⁠[659]. Nach dem Berichte der syrischen Manuskripte⁠[660] lehrte HERMES, Quecksilber sei die Grundsubstanz [Materia prima] aller Metalle und verwandle sich unter den passenden Umständen nicht schwieriger in eines von diesen, als „Wasser“ zu Ölsaft in einem Ölbaum, zu Harzsaft in einer Terebinthe, oder zu Honigsaft in einer Dattelpalme⁠[661]. — Wie weiter oben wiederholt erwähnt wurde, sollen die „Ägypter“ für die Ursubstanz der Metalle das Blei gehalten haben, vermutlich angesichts seiner großen Schmelzbarkeit und seines leichten Überganges in andere (vielfach auch mit den Abkömmlingen sonstiger Metalle verwechselte) Stoffe, wie Bleiweiß, Bleiglätte, Mennige, Schwefelblei usf.; da nun aber das Quecksilber, wie man nach und nach erkannte, überhaupt stets flüssig bleibt und gleichfalls mit Leichtigkeit das weiße Sublimat, den bald gelblichen, bald rötlichen, bald schwarzen Zinnober ergibt usf., so liegt die Annahme nahe, es sei auf solche Analogien hin allmählich dem Blei gleichgesetzt worden und habe schließlich an dessen Stelle die Rolle einer Materia prima übernommen, — wofür aber auch noch ganz andere, erst später zu erörternde Gründe ausschlaggebend waren.

Mittels Quecksilbers stellte HERMES, nach einem beim PHILOSOPHUS CHRISTIANUS erhaltenen Berichte, auch das Xérion (ξήριον) her, „das seit Äonen Gesuchte“⁠[662], und verwandelte mit ihm ebensowohl die gemeinen Metalle in Gold, „das allein frei von aller Krankheit ist“⁠[663], wie die körperlich Siechen in Gesunde⁠[664]: ist doch nach ihm der Mensch ein Mikrokosmos, und diese kleine Welt enthält alle Elemente (einschließlich der Winde) ebenso in sich, wie die große, und unterliegt daher genau den nämlichen Einflüssen wie letztere⁠[665]. — Hiernach wird man schwerlich der Behauptung einiger Autoren beistimmen können, HERMES sei ein Feind der von ZOROASTER(?) gepriesenen magischen Lehren und Vorstellungen gewesen; nach ZOSIMOS war vielmehr der Sachverhalt gerade der umgekehrte⁠[666].

Wie in der „hermetischen Kunst“, so lebt der Name des HERMES bis auf den heutigen Tag auch noch im „hermetischen Verschlusse“ fort. Nach AL-HABIB⁠[667] spricht schon ZOSIMOS vom „hermetischen Verschlusse der Gefäße“ als von etwas Wohlbekanntem und keiner Erklärung Bedürftigen, es scheint also fraglos, daß dieser völlig dichte, bei Glasgefäßen durch Zuschmelzen bewerkstelligte Verschluß, oder doch eine bestimmte Art seiner Herstellung und Verwendung, vorwiegend auf HERMES zurückgeführt und als seine Erfindung angesehen wurde. Daß einige seiner Bücher „Siegel“ oder „Gesiegeltes“ überschrieben waren⁠[668], kommt jedoch in dieser Hinsicht nicht mit in Frage, vielmehr besagt dieser Titel nur soviel wie „Geheimnisse“; beruft sich doch ZOSIMOS u. A. Auch auf Vorschriften aus Büchern gleichen Namens, die der ägyptische Gott PTAH selbst verfaßt haben soll⁠[669].

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