Ch. 26: d) Synesios.
d) Synesios. ****
Den älteren alchemistischen Werken erstanden, infolge ihrer Schwerverständlichkeit und Unklarheit, alsbald Kommentatoren, deren oft entstellende und zuweilen sogar fälschende Tätigkeit zwar schon ZOSIMOS tadelt, die aber immerhin noch wirkliche Sachkenntnis besaßen, und vermöge dieser hoch über ihren späteren byzantinischen Nachfolgern stehen, bei denen tote Buchgelehrsamkeit die Stelle der völlig fehlenden lebendigen Anschauung vertreten soll. Der wichtigste jener Kommentatoren ist SYNESIOS, den man bis vor nicht allzulanger Zeit meist für identisch mit SYNESIOS VON PTOLEMAÏS hielt. Letzterer, der Sprößling eines vornehmen Geschlechtes der Provinz Kyrene und Schüler der berühmten alexandrinischen Philosophin HYPATIA (an die er das bekannte Schreiben betreff der Herstellung eines Aräometers richtete), bekleidete seit 410, trotz seines nur sehr oberflächlichen Bekenntnisses zum Christentum, das Amt eines Bischofes zu Ptolemaïs in der Kyrenaïka, woselbst er schon 415, erst im 46. Lebensjahre stehend, einer schweren Krankheit erlag; er war ein hochgebildeter Mann und verfaßte zahlreiche, zum Teil noch erhaltene Schriften und Briefe über astronomische, philosophische und religiöse Gegenstände, sowie eine Anzahl Hymnen gnostischer Richtung, in denen er, dem Zeitgeiste entsprechend, hellenistische, orientalische, ägyptische, jüdische und christliche Ideen zu vereinigen suchte[1077].
Die unter dem Namen des SYNESIOS überlieferte (unvollendete) Abhandlung chemischen Inhaltes findet sich in den Codices der eben erwähnten Werke nicht vor, und da der Bischof SYNESIOS erst 379 geboren wurde, der in Form eines Dialoges eingekleidete, „mit Hilfe Gottes“ (θεοῦ συνεργείᾳ) unternommene „Kommentar zu DEMOKRITOS“ aber vor 390 vollendet sein muß, — da er dem DIOSKOROS zugeeignet ist, „dem Oberpriester des Serapis-Tempels zu Alexandria“, welches Heiligtum um 390 zerstört wurde —, so kann er unmöglich vom Bischofe SYNESIOS herrühren, sondern ist jedenfalls einem seiner gleichnamigen Zeitgenossen zuzuschreiben[1078]. Seine erste Veröffentlichung (in schlechter lateinischer Übersetzung) erfolgte 1573 durch PIZZIMENTI, in dessen Werk er den zweiten Abschnitt bildet; die ziemlich zahlreichen griechischen Handschriften weisen Spuren später Umarbeitungen und verschiedene Lücken auf, stimmen in vielen Einzelnheiten nicht überein, und enthalten sprachlich und sachlich so viel allegorisch Dunkles und Unverständliches, daß die wiederholten Mahnungen des SYNESIOS, DIOSKOROS möge doch genauer aufmerken und seinen Verstand etwas mehr anstrengen, durchaus gerechtfertigt erscheinen[1079].
SYNESIOS erwähnt, daß sich DEMOKRITOS jener persischen Methoden bediente, die er von OSTANES erlernte, dem Verkündiger der großen Wahrheit „Die Natur freut sich an der Natur, usf. “[1080]. Die Natur der Stoffe ist in ihrem Inneren verborgen (ἡ φύσις ἔνδον κέκρυπται), und es ist erforderlich sie herauszukehren (φέρειν ἔξω)[1081], was durch das Werk (πρᾶγμα, Prágma) geschieht, indem man erst eine Verflüssigung, dann aber wieder eine Festigung und Fixierung der Substanzen herbeiführt[1082]. Zur ersteren bedient man sich u. A. Der Lösungen und Schmelzen (ὕδατα) von Nitron (νίτρον), Weinstein (φέκλη]) und anderen Pflanzenaschen (σποδοκράμβη; wörtlich: verbrannter Kohl)[1083], — also der Alkalien —, während die Festigung durch ἐξηδάτωσις erfolgt, d. H. Durch Entwässerung und Austreibung der flüssigen Teile[1084]. Die Fixation endlich erfordert die Beigabe gewisser Zusätze, die bald „Metalloíosis“, d. I. Transmutation, bald „Metalleúosis“, d. I. Metallisierung [zu Edelmetall] bewirken[1085]; sie bestehen aus Schwefel, Auripigment [ἀρσενικὸν ξανθόν = gelbem Arsen], göttlichem Wasser, oder jenen beiden Quecksilbern, die nach HERMES „Zweierlei sind und doch nur Eines“, dem Weißenden aus Arsen und dem Gilbenden aus Zinnober[1086]. Mit Recht behauptete PIBÊCHIOS, daß das Quecksilber die größte Affinität zu allen Körpern habe: denn tatsächlich zieht es alles an sich, nimmt die Psychen und Pneumata, aber auch die Hylen beliebiger Stoffe ganz ebenso in sich auf, wie Wachs beliebige Farben, digeriert und kocht sie zurecht, fixiert sich samt ihnen auf den Metallen der Tetrasomie, denen es die „Substanzen“ der Trockenheit und der richtigen [z. B. Gelben] Farbe zuführt[1087], und geht mit ihnen unter Veränderung seiner eigenen Natur eine unlösbare Verbindung ein; es vermag die „Form und Gestalt“ aller Substanzen anzunehmen und bildet demgemäß ihre nur dem Anscheine nach fortwährend wechselnde, in Wirklichkeit aber stets gleichbleibende und beharrende, einheitliche Grundlage[1088], [d. I. Die Materia prima, der „Mercurius philosophorum“ der späteren Alchemisten].
Die Umwandlung der Metalle, die Diplosis, durch die man auch unedle Metalle in die nächstverwandten edleren überführt[1089], die Gewinnung der flüchtigen Geister und „Blüten“ aus pflanzlichen und in analoger Weise aus mineralischen Stoffen[1090], usw., erfordern eine Anzahl besonderer Vorrichtungen, z. B. Die verschiedenen Arten der Kerotakis, der Thermospodien (Aschenbäder), in denen man die Erwärmung und Calcinierung, sowie die Wiederbelebung des Calcinierten durch den Einfluß der Wärme (ἀναζωπύρησις) vornimmt[1091], sowie der Destillations-Apparate[1092]. Bei den guten Apparaten dieser Art trägt [laut beigefügter Abbildung] ein Dreifuß das Gefäß (λέβης), in dem mittels Asche der Kolben (βοτάριον, λωπάς) vorsichtig erhitzt wird, die Dünste aber steigen aus ihm durch ein dicht eingepaßtes Rohr in den metallenen oder gläsernen Helm (φιάλη, χαλκεῖον), der die Gestalt eines Kopfes oder auch einer weiblichen Brust (μαστάριον) besitzt; das Rohr tritt von unten genau in der Mitte des ziemlich flachen Bodens (über den es ein wenig hochgeführt wird) in diesen Aufsatz ein, die Dünste verdichten sich rasch an der großen gewölbten Oberfläche, das Verflüssigte sammelt sich auf dem Boden und fließt durch ein seitliches Ansatzrohr in das Sammelgefäß (δοχεῖον) ab. — Unverkennbar ist dieser Beschreibung nach der Fortschritt von der rohen Destillation oder vielmehr Sublimation zu Zeiten des PLINIUS und DIOSKURIDES bis zum Gebrauche eines mit Tubulus und seitlichem Abfluß versehenen Kondensationshelmes bei SYNESIOS.