Ch. 8: a) Pammenes, Maria.
a) Pammenes, Maria. ****
Als Schüler, die zu Memphis den Unterricht des OSTANES gleichzeitig mit DEMOKRITOS genossen, ja nach manchen Quellen diesen sogar ihrerseits schon mit belehren konnten, werden PAMMENES und MARIA genannt[543].
PAMMENES, angeblich identisch mit dem PHIMENES aus Saïs, dessen Rezept zu „echt ägyptischem Asem“ der Leidener Papyrus erwähnt[544], vielleicht aber auch mit dem PAMMENES, dessen, als ägyptischen Magiers, zu Beginn des 2. Jahrhunderts TACITUS und AELIAN gedenken[545], soll sich in seinen Schriften zu deutlich über die ihm anvertrauten Geheimnisse ausgedrückt und deshalb den Tadel des Meisters erfahren haben[546]; von diesen „deutlichen“ Schriften ist aber leider nichts erhalten geblieben.
MARIA, anfangs einfach MARIA DIE JÜDIN geheißen, später (so schon bei ZOSIMOS im 3. Jahrhundert) identifiziert mit MARIA oder MIRJAM der Schwester des MOSES, und von der Legende mit den nämlichen übernatürlichen Kräften ausgestattet wie dieser[547], schließlich sogar zur „Prinzessin von Saba“ erhoben[548], wird seitens aller jüngeren Autoren als eine der frühesten und bedeutsamsten Alchemistinnen gepriesen und als solche auch im arabischen Verzeichnisse des „Fihrist“ (vollendet um 987 n. Chr.) aufgeführt[549]. Daß sie Jüdin war, ist zweifellos, es wird dies auch von ihr selbst durch einen gelegentlichen Ausspruch bestätigt, lautend[550]: „Berühre den Stein der Philosophen nicht mit Deinen Händen, denn Du gehörst nicht zu unserem Volke, Du bist nicht vom Stamme des ABRAHAM. “ In den an PAMMENES getadelten Fehler ist MARIA nicht verfallen, sie versicherte vielmehr laut Überlieferung des AL-HABIB (s. Unten): „Kein einziger Philosoph hat die Wahrheit in klarer Form gelehrt“[551], und soviel wir sehen können, handelte sie auch diesem Grundsatze gemäß; doch ist zu berücksichtigen, daß wir ihre Werke fast nur aus den späten und dürftigen Auszügen kennen, die hauptsächlich bei ZOSIMOS erhalten sind, zum kleinen Teile auch bei OLYMPIODOROS und Anderen.
Das Material, dessen sich der „Philosoph“ bedient, ist „unser Kupfer“ und „unser Blei“. Unter „unserem Kupfer“ sind die vier Körper Kupfer, Eisen, Blei und Zinn zu verstehen[552], unter „unserem Blei“ bald das „schwarze Blei, μόλυβδος μέλας“[553], bald μόλυβδος ἡμετέρος [d. I. Antimon], dessen Schmelze man auch „schwarze Brühe“, „schwarzen Saft“ nennt[554]; nur mittels „unseren Bleies“ läßt sich die Mischung anfertigen, die entweder Magnesia heißt, oder Molybdóchalkos (wörtlich: Bleikupfer), oder auch μᾶζα (Máza = Teig, Brot)[555]; sie enthält die vier Metalle der Tetrasomie [also Kupfer, Eisen, Blei, Zinn], ist eine „Viereinigkeit“ (τὰ δὲ τέσσαρα ἑν = Viere in Einem) und heißt daher auch „Ei der Philosophen“, „philosophisches Ei“[556], [weil auch das Ei die Einheit von vier Bestandteilen darstellt: Eischale, Eihaut, Eiweiß, Eigelb].
Unter den Stoffen, mit denen unser Blei und Kupfer behandelt und „verbrannt“ werden muß, sind die wichtigsten: der Schwefel, der in der Hitze von selbst verdampft und dabei alles färbt, welche Eigenschaften, nämlich Flüchtigkeit und Färbevermögen, er aber mit „allen Schwefeln“ teilt[557]; das Quecksilber, sowie die στυπτηρία στρογγύλη = rundlicher Alaun, [das sind Bröckchen der aus den Arsensulfiden gewonnenen Arsenigsäure][558]; das göttliche Wasser, — „Wasser“ kann stets Lösung oder Schmelze bedeuten —, hergestellt aus der αἰθάλη (Aithále = Ruß, Rauch) von schwefel- oder arsenhaltigen Substanzen, auch unter Zusatz von Chálkanthos (Vitriol), „Galläpfeln“, oder „Kiki“ [äg. = Ricinus; beides offenbar Decknamen], das Silber schwärzend [durch seinen Schwefelgehalt], das Kupfer und Blei weißend oder gilbend, je nach seiner Bereitung[559]; das schwefelhaltige Stimmi [Antimonsulfid][560]; Alabastron [vermutlich ein weißes Antimonoxyd][561].
Wie für den Menschen die Nahrung dann passend und förderlich ist, wenn sie aus Festem und Flüssigem so gemischt wird, daß er sie gut bei sich behalten und verdauen kann, so ist dies auch beim „Kupfer“ der Fall: richtig ernährt „gedeiht“ es, und auch seine Wangen „röten“ sich in der rechten Weise[562]. Dies vollzieht sich in den vier Phasen der Schwärzung, Weißung, Gilbung und Rötung, die anzusehen sind als die „ἔργα τοῦ λίθου“, die „Wirksamkeiten des Steines“[563], [d. H. Des vom Philosophen bereiteten Präparates, dessen Pulver er einstreut, wodurch er die Umwandlung bewirkt]. Das Wesen der Letzteren besteht in einer Vermählung, in der „Vereinigung des Weiblichen und Männlichen“, — das Wort ἄρῥην oder ἄρσην (Arsen) hat hierbei den Doppelsinn „Männliches“ und „Arsen“ —, denn „die Natur freut sich an der Natur“ usw. [564]; nach dem Berichte des schon erwähnten AL-HABIB lehrte MARIA, daß durch Verbindung des Weiblichen und Männlichen, des dunklen Menstrualblutes und des weißen Spermas, ein wahrer Fötus entstehe, der neun Monate zu seiner Reifung erfordere und als „Keim, Ei, Menschlein, Neugeborenes, usf., zehntausend und mehr Namen trage“[565].
Für das große Werk eignet sich nur eine bestimmte Jahreszeit, der Pharmuthi [ägyptischer Monat, etwa März-April], und die Stoffe müssen fest in Leinen eingewickelt, dann der ταριχεία (Taricheía, Einsalzung) unterworfen und schließlich im „Wasser des Pontos“ gekocht werden[566]; sie gehen zu einem Viertel oder auch zu einem Drittel im Laufe der Umwandlung verloren[567], doch kann man das schließlich Erhaltene durch die „Diplosis der MARIA“ ergänzen und vermehren[568]. Zu dieser eignet sich neben Quecksilber namentlich die „unser Blei“ genannte Legierung der vier Metalle[569]; auf deren Bereitung beziehen sich wohl die vom PHILOSOPHUS CHRISTIANUS[570] u. A. Auch der MARIA zugeschriebenen mystischen Sätze „Zwei sind Eins, Drei und Vier sind Eins, Eins wird Zwei, Zwei wird Drei“, die sich in ähnlicher Form bis ins späte Mittelalter erhielten, denn noch in der „Turba Philosophorum“, einer etwa aus dem 12. Jahrhunderte stammenden Schrift, heißt es: „Aus Zwei mache Drei, aus Vier mache Eins, aus Zwei mache Eins,“ usf. [571].
Neben den älteren Behandlungsarten, z. B. Einsetzen in Dünger und Pferdekot, in das Thermospodion (Aschenbad), usw. [572], benützte MARIA auch verschiedene neuere, deren Erfindung ihr sogar seitens späterer Autoren zugeschrieben wird. Nach ZOSIMOS, der über diesen Punkt Ausführlicheres berichtet[573], konstruierte sie zahlreiche Öfen, Koch- und namentlich auch Destillier-Apparate aus Metall, Ton und Glas, und lehrte sie mittels Fett, Wachs, Kleister, fetter Tonerde und dem „Tonerdekitt der Philosophen“ zu dichten und zu verbinden[574]. Glasgefäße bezeichnete sie als besonders nützlich, weil sie „Sehen ohne Berühren“ und gefahrloses Umgehen mit schädlichen Stoffen gestatten, z. B. Mit Quecksilber, „dem furchtbaren Gift und verderblichsten aller Metalle“[575], aber auch mit den „schwefligen“ [oft = arsenikalischen] Substanzen, die zur Bereitung des göttlichen Wassers dienen[576].
Als Bestandteile der Destillierapparate, deren älteste Beschreibungen und Abbildungen in den Schriften der MARIA vorliegen, werden angegeben: 1. Das Füllgefäß, das sehr stark und fest sein muß, falls es aus Glas besteht und größeren Inhalt hat[577]; es heißt βίκος (Bíkos = Gefäß, Schale, Krug), welcher Name auch βῆκος, βύκος und βικίον geschrieben wird und an den ἄμβιξ (Ambix) des DIOSKURIDES erinnert, den helmförmigen Aufsatz [ursprünglich wohl nur Deckel], an dem sich bei der von diesem Autor beschriebenen Gewinnung des Quecksilbers durch eine höchst unvollkommene Destillation (eigentlich nur Sublimation) die αἰθάλη (Aithále) ansetzen, und von dem sie nach dem Abkühlen abgekratzt werden soll[578]. 2. Das Abzugsrohr, σωλήν (Solén, Röhre), das aus Ton, Glas oder Kupfer bestehen kann[579]. 3. Der Rezipient, τὸ ἄγγος (das Gefäß), zuweilen auch φιάλη (Phiále, Kopf, Schale), oder ebenfalls nur βίκος genannt, in der Regel eine Art Flasche mit verengertem Halse; sie wird im Bedarfsfalle mittels eines Schwammes abgekühlt, der in einem größeren Behälter stets frisch mit Wasser getränkt werden kann[580]. — Zuweilen bringt man an dem Füllgefäße statt eines Abzugsrohres auch deren zweie oder dreie an, die in ebenso viele Rezipienten münden, und es entsteht so der „δίβικος (Dibikos, Zweikörper) und τρίβικος (Tribikos, Dreikörper) der MARIA“[581]; kommt die „Fixation“ schwierig zu behandelnder Stoffe in Frage, z. B. Die von Schwefel, Quecksilber und anderen „Sublimaten“, so empfiehlt sich auch ein röhrenförmiges Auffanggefäß von Schlangengestalt, δρακοντῶδες[582], [an (nicht in) dessen Windungen die Kondensate sich absetzen]. — Wie diese Schilderungen ersehen lassen, ist der Fortschritt seit der Zeit des DIOSKURIDES (der um 75 n. Chr. Schrieb) insoferne ein ganz beträchtlicher, als an Stelle eines Stückes, bestehend aus dem Füllgefäße und dem fest mit ihm verbundenen und verkitteten Aufsatze, ein aus drei Teilen (Füllgefäß, Abzugsrohr, Rezipient) zusammengesetzter Apparat getreten ist, und das Kondensat nicht mehr an dem aufgestülpten helmartigen Deckel (ἄμβιξ, φιάλη, auch κυμβάνη oder βάθος = Höhlung) hängen bleiben soll [was stets nur zum kleinen Teile möglich ist], sondern seitlich aus ihm abfließen kann[583]. Noch unverändert zeigt sich aber die Kühlung; soweit sie nicht schon von selbst in ausreichender Weise eintritt, wird ihr noch immer nur mit dem Schwamme nachgeholfen, den schon DIOSKURIDES bei der Darstellung von Ruß aus Harzen oder fetten Ölen empfiehlt; infolgedessen ist die Destillation niedrigsiedender Substanzen unmöglich, die hochsiedender aber, die leicht erstarren und die Rohre verstopfen, erweist sich als schwierig und umständlich, sofern sie nicht nach Art einer bloßen Sublimation ausgeführt wird.
Zur Behandlung der Metalle mit Schwefel-, Quecksilber- und Arsen-Verbindungen in kleinerem Maßstabe bedient sich MARIA der κηροτακίς (Kerotakís), welches Wort ursprünglich die Palette bezeichnete, auf der z. B. Nach dem Berichte des PLINIUS [584] die alten griechischen Maler ihre vier Grundfarben, weiß, schwarz, gelb, und rot, mit Wachs (κηρός, Kerós) mischten und gelinde erwärmten. In ganz gleicher Weise wie bei dieser Operation, der ἐγκήρωσις (Enkérosis = Wachsbehandlung, ceratio)[585], wurden auf einer Kerotakis der Form oder auch die Metalle mit den entsprechenden Reagenzien (φάρμακα = Phármaka, Medizinen) zusammengemengt und angewärmt, digeriert, geschmolzen, oder sublimiert[586]. Handelte es sich um flüchtige oder giftige Stoffe, so kam statt der flachen Kerotakis ein ἄγγος ὀστράκινον zur Anwendung, ein irdenes, oben bald offenes, bald geschlossenes Rohr von erforderlichen Dimensionen, das man entweder unmittelbar durch die Flammen (φῶτα) des Kamines (καμίνιον) erhitzen konnte, oder mittelbar im Aschen- und Sandbade. Weil hierbei die in Dampfform aufgestiegenen Substanzen alsbald in Gestalt von Flüssigkeiten oder Schmelzen wieder herabtropften, ihren Weg also nach rückwärts nahmen, nannte man Apparat und Verfahren auch Krebs (καρκίνος, Karkínos); länglich-runde Gefäße hießen auch „Eier der Philosophen“[587], und derlei Gerätschaften bildeten wichtige Vorstufen der Sublimations- und Destillations-Apparate späterer Zeiten, u. A. Der sog. Aludeln (al-utal, im Arabischen ein röhrenförmiges Gefäß).
Unter den von MARIA erfundenen oder benützten Vorrichtungen führen ihre Schriften gerade eine nicht auf, die viele Forscher als ganz sicher von ihr herrührend ansahen, weil sie u. A. Auch die Bezeichnung „Balneum Mariae“ (bain Marie, Marienbad) trägt; hierbei hat jedoch eine zwar naheliegende, aber unzutreffende Etymologie irregeleitet, denn das Wasserbad war bereits viele Jahrhunderte vor MARIA wohlbekannt (so schon HIPPOKRATES und THEOPHRASTOS), und verdankt seinen Namen anscheinend der Verkettung einer Reihe ganz fernliegender Umstände, die mit der Tätigkeit der Chemikerin MARIA erst nachträglich in angeblichen Zusammenhang gebracht wurden[588].
Als eine von MARIA erfundene, oder von ihr dem DEMOKRITOS und OSTANES abgelernte Kunst, wird noch die angeführt, Edelsteine im Finstern leuchtend zu machen. Nach BERTHELOT beruhte sie vermutlich auf der Erregung zeitweiliger Phosphorescenz, denn den „Farben und Firnissen“ sollen „im richtigen Verhältnisse“ Mischungen gewisser organischer Substanzen zugesetzt werden, die, wie Galle von Fischen und Schildkröten, Saft von Medusen, Öle von Pflanzen, Harze, usf., sämtlich zu den an der Luft leicht oxydierbaren gehören[589]; vielleicht ist jedoch nur an das oft sehr intensive Nachleuchten zu denken, das manche Edelsteine, aber auch andere Mineralien und Schmelzen, stundenlang zeigen, nachdem sie längere Zeit im Sonnenlichte lagen, oder stark erwärmt wurden.